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Die Entwicklung des Kindes: 7-12 Monate

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 09. Juni 2009 um 10:46 Uhr

Es ist kein Wunder, dass die meisten Fotos in den Elternzeitschriften in der zweiten Hälfte des ersten Jahres geschossen werden. Ihr Baby ist jetzt ein richtiger Wonneproppen, und es ist nicht nur körperlich stabiler geworden, sondern auch seelisch. Die mit dem Krabbeln eingeleitete Erweiterung des Aktionsradius bringt nun schon den einen oder anderen Konflikt mit sich (Darf ich diesen Schrank nun ausräumen oder nicht?), doch mit ein bisschen Ablenkung lassen sich die meisten Klippen (noch) umschiffen.

Dennoch kann Ihr Kind nun schon ganz schön zornig sein. Das ist völlig normal: Jetzt, wo es der Schwerkraft das Sitzen abgetrotzt hat und mit den Händen richtig in seine Umwelt eingreifen kann, ist sein Horizont auf einmal viel größer. Alles Mögliche kommt in sein Blickfeld, alles Mögliche, das es zu erforschen gilt. Nur – wie da hinkommen? Und wenn man mal da ist, sind die Hände so ungeschickt, so steif manchmal, als wären sie gefroren. Wenn man so viel will und noch so wenig kann, kann man schon mal aus der Haut fahren!

Vom Durchschlafen

Selbst wenn Ihr Baby schon längere Zeit durchgeschlafen hat, wacht es nun oft wieder nachts auf – zu aufwühlend ist jetzt der Tag, an dem einem so viele Wunder begegnen. Besonders auf Reisen oder beim Besuch der Großeltern wird das passieren. Gott sei Dank ist Ihr Kind in diesem Alter aber auch bereit, das einigermaßen selbstständige »Wiedereinschlafen« Schritt für Schritt zu lernen. Dabei ist wichtig:

  • Wenn Ihr Baby sich nicht von selbst beruhigt, so lassen Sie es Ihre Nähe spüren, etwa indem Sie sich an sein Bettchen setzen oder es streicheln. Es braucht dazu nicht herumgetragen zu werden. Party-Stimmung sollte erst gar nicht aufkommen. Ihre Ruhe, Entschiedenheit und Zuversicht sind jetzt die wichtigsten Schlafmittel.
  • Versuchen Sie ruhig einmal die »Brusttuch«-Methode , wenn Ihr Kind nicht schlafen kann. Vielleicht hat es da­durch – nach einer Eingewöhnungszeit – ja schon »genug Mama«.
  • Ab sechs Monaten braucht der Stoff­wechsel des Kindes keine »Nachtmahlzeit« mehr. Aufstehen, um ein Fläschchen zu richten, ist jetzt also im Prinzip überflüssig. Ob Sie Ihrem Kind das Fläschchen, den Schnuller oder den Busen als »psychische« Einschlafhilfe geben, ist Ihre persönliche Entscheidung und hängt auch davon ab, wie Sie es beim abendlichen Einschlafen halten.
Alter Schlafstunden insgesamt Nickerchen tagsüber
0–1 Monate 15–16 4–5
2–3 Monate 14,5–15,5 3–4
4–6 Monate 12–14 3
7–12 Monate 11,5–12,5 2–3
1–3 Jahre 11–12 1
4–6 Jahre 10–11,5 0
7–9 Jahre 9,5–10,5 0
10–13 Jahre 9–10,5 0
14–18 Jahre 8,5–9,5  0
Diese Werte sind Durchschnittsangaben. Sie können sich je nach Tagesform, zu verarbeitenden Erlebnissen oder auch »Familienrhythmus« ändern. [CHG]

Vom Fremdeln

Praktisch alle Kinder reagieren etwa zwischen dem 7. und 10. Lebensmonat auf fremde Erwachsene mit Angst – und zwar unabhängig davon, ob ihr bisheriges Leben von guten oder von schlechten Erfahrungen geprägt war.
Kinder, die regelmäßig mit vielen Erwachsenen Umgang haben, fremdeln weniger als solche mit wenigen Erwachsenen im unmittelbaren Umfeld. Gegenüber fremden Altersgenossen und Kleinkindern bleiben auch starke »Fremdler« dagegen weiterhin aufgeschlossen.
Dass es sich beim Fremdeln um ein universelles und entwicklungsbedingtes Verhalten handelt, zeigt auch die Tat­sache, dass Säug­linge in allen, auch in ein­ge­borenen Kulturen fremdeln. Evo­lutions­bio­logen ver­muten, dass es sich um eine natürliche Reaktion handelt, die das nun in die Welt ein­dringende Kind vor eventuell feindlich gesonnenen Erwachsenen warnt.

Geben Sie dem fremdelnden Säugling den Schutzraum, den er sucht, und nehmen Sie ihn auf den Arm. Ein in Panik schreiendes Kind »gewöhnt« sich nicht an einen ihm bedrohlich erscheinenden Erwachsenen, und wenn es sich dabei um noch so blutsverwandte Schwiegereltern handelt. »Der rebelliert sogar gegen seine eigene Oma« oder »So ein Mamakind« – solche Reaktionen sind hier fehl am Platz.

Fremdelt ein Säugling auch gegenüber früher vertrauten Menschen wie etwa dem Babysitter, so müssen Sie nicht gleich auf alle Unternehmungen verzichten – in aller Regel beruhigt sich das Kind nach der Trennung rasch wieder. Geben Sie Ihrem Kind aber mehr Zeit beim Abschied.

Laufstall: ja oder nein?

Laufställchen oder -gitter können einen ge­schützten Entdeckungsraum schaffen und lassen sich mit wenigen Handgriffen zu einer Höhle oder einem kleinen Häuschen verwandeln. Manchmal er­laubt die Aufstellung eines Laufgitters, dass Ihr Kind selbst in einem nicht »krabbelsicheren« Büro nahe bei Ihnen bleiben kann, etwa wenn Sie am Computer arbeiten. In einem solchen Fall kann es sinnvoll sein, ein oder zwei für das Kind attraktive Spielzeuge nur für den Laufstall zu reservieren. Solange das Kind nur so lange darin bleiben muss, wie es sich darin wohl fühlt, ist gegen Laufställe nichts einzuwenden. Sie sollten allerdings nie benutzt werden, um ein Kind einzusperren!

Was Ihr Baby jetzt kann!

Mit »Unvernünftige auf Entdeckungsreise« könnte man diese Entwicklungsphase überschreiben. Aber die Reise wird belohnt: Unter meist erheblichem Applaus beginnt das Kind am Ende des ersten Lebensjahres seine Karriere als Fußgänger!
 

Aktualisiert ( Freitag, den 03. Juli 2009 um 13:51 Uhr )