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Plötzlicher Kindstod

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 15. Juni 2009 um 09:31 Uhr

Die gute Nachricht zuerst: Die Häufigkeit des plötzlichen Kindstods (oder sudden infant death syndrome, kurz SIDS) ist seit dem Anfang der 90er-Jahre, als die Rückenlage als bevorzugte Schlafposition für Säuglinge propagiert wurde, um mehr als 50 % zurückgegangen. Aber noch immer sterben jedes Jahr in Deutschland etwa 300 Säuglinge (das entspricht einem von 2 000 Säuglingen) plötzlich, unerwartet und unerklärlich im Schlaf, die meisten im Alter von zwei bis vier Monaten. Im ersten Lebensmonat ist der plötzliche Kindstod extrem selten, und auch nach dem achten Monat ist das Risiko sehr gering. Jungs sind etwas häufiger betroffen als Mädchen.
Kein Wunder, dass sich Eltern fragen: Könnte es auch mein Baby treffen? Da im Einzelfall sichere Voraussagen nicht möglich sind, kann hier nur die Statistik Auskunft geben, und sie weist auf folgende Risikofaktoren hin:

  • Wenn die Mutter raucht, hat das Baby ein 5fach höheres Risiko, am plötzlichen Kindstod zu versterben. Viele Forscher ge­hen davon aus, dass ein großer Teil dieses Risikos schon durch das Mitrauchen im Mutterleib bedingt ist.
  • Frühgeborene und Mehrlinge haben ein etwa 3- bis 5-mal höheres Risiko.
  • Kinder, die in Bauchlage schlafen, haben ein etwa 2½fach höheres Risiko. Kommt dann noch eine weiche Unterlage, Kopfkissen oder ein zu großes Federbett hinzu, steigt das Risiko auf das 20fache!
  • Auch frühzeitiges Abstillen könnte ein Risikofaktor sein, denn unter den Opfern des plötzlichen Kindstods kommen gestillte Kinder nur halb so oft vor.

Ursachen

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Dass die Rückenlage dem plötzlichen Kindstod vorbeugt, darüber sind sich die Kinderärzte einig. Trotzdem wollen manche Eltern nur ungern von der Bauchlage lassen: Manche Kinder scheinen auf dem Bauch besser schlafen zu können. Ein früher oft für die Bauchlage vorgebrachtes Argument dagegen konnte widerlegt werden: dass Babys, wenn sie erbrechen, auf dem Rücken eher ersticken würden. Die Zahlen sind hier eindeutig: Das Risiko, im Schlaf zu Tode zu kommen, ist in Rückenlage geringer. Behalten Sie die Bauchlage also für die Wachzeiten vor.
[HRE]

Woher der plötzliche Kindstod kommt, ist noch immer ungeklärt, und es gibt dazu mindestens 20 Theorien. Wahrscheinlich kommt es zum plötzlichen Kindstod erst durch das Zusammenspiel verschiedener ungünstiger Faktoren, sowohl innerer als auch äußerer. So gibt es Hinweise, dass bei den Opfern bestimmte Hirnteile weniger ausgereift sind als bei anderen Kindern, und zwar gerade diejenigen Anteile im Hirnstamm, die an der Steuerung der Atmung und des Herzschlags beteiligt sind. Kommt nun ein äußerer Faktor hinzu, etwa Überwärmung, Erkältungen, Nikotin oder das Einatmen aufgestauter, d. h. verbrauchter und da­mit kohlendioxidreicher Luft, so versagt die lebensrettende reflektorische Anpassung.

Andere Studien zeigen, dass bei einem Teil der Fälle angeborene Verzögerungen in der Reizleitung am Herzen sowie Stoffwechselstörungen eine Rolle spielen könnten.

Dass Impfungen immer wieder angeschuldigt werden, ist verständlich, schließlich passieren die meisten Fälle des plötzlichen Kinds­tods zwischen zwei und vier Monaten, also im »ersten Impfalter«. Hinweise, dass es sich um einen ursächlichen Zusammenhang handelt, gibt es jedoch nicht.

Wie vorbeugen?

Die nötigen Schritte leiten sich aus dem Gesagten ab, und sie bestehen vor allem aus den drei Rs:

Rückenlage
Richtiges Babybett
Rauchfrei

  • Das Wichtigste: Verzichten Sie aufs Zigarettenrauchen!
  • Sorgen Sie für eine gesunde Schlafumgebung – hierzu gehört ein »richtiges« Bett (also kein Wasserbett oder Sofa), eine feste Schlafunterlage oder Matratze, Rückenlage, der Verzicht auf Kissen oder zu große Federbetten und das nicht zu warme »Einpacken« des Babys (Näheres zur gesunden Schlafumgebung).
  • Babys »dürfen« unseres Erachtens im Er­wachsenenbett schlafen, allerdings nur mit den eigenen Eltern und wenn diese nicht rauchen.
  • Eltern fragen sich zu Recht, ob dem plötzlichen Kindstod vielleicht durch einen Atem- und Herzmonitor vorgebeugt werden kann. Solche Geräte wecken die Eltern auf, wenn Atmung oder Herzschlag des Babys in einen kritischen Bereich abfallen. Leider hat sich gezeigt, dass eine wirkungsvolle Vorbeugung auf diesem Weg nicht möglich ist: Die Eltern haben mit vielen Fehlalarmen zu kämpfen und bei einem »echten« Alarm kommen die Wiederbelebungsmaßnahmen fast immer zu spät.

Das Fazit

Der plötzliche Kindstod ist zu Recht eine große Sorge aller Eltern von Säuglingen. Aber er zeigt auch, wie gut einfache, vorbeugende Maßnahmen wirken können: Eltern, die nicht rauchen, ihre Kinder stillen und auf einer festen Unterlage auf dem Rücken schlafen lassen, haben allen Grund, sich sicher zu fühlen – für diese Kinder nämlich ist der plötzliche Kindstod sehr selten.

Weiterführende Informationen

  • www.babyschlaf.de Gute Informationen zum Thema Schlafposition, Schlafumgebung und plötzlicher Kindstod
Aktualisiert ( Freitag, den 02. März 2012 um 16:01 Uhr )