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Harnwegsinfektionen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 12:05 Uhr
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Harnwegsinfektionen
Das Wichtigste aus der Medizin
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Harnwegsinfektionen sind die häufigste Erkrankung von Nieren und Harnwegen im Kindesalter: Schätzungsweise 5 % aller Mädchen und 1 % aller Jungen hat bis zur Pubertät mindestens eine Harnwegsinfektion, meist im Vorschulalter. Im Babyalter sind Jungen häufiger betroffen als Mädchen, danach kehrt sich das Verhältnis um. Rechtzeitige Diagnostik und Behandlung vorausgesetzt, bleiben Harnwegsinfektionen in aller Regel ohne bleibende Folgen für das Kind.

Leitbeschwerden

Bei älteren Kindern:

  • Harnblasenentzündung: Häufiges Wasserlassen mit nur geringen Urinmengen, dadurch möglicherweise Einnässen bei zuvor schon »trockenen« Kindern. Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen. Häufig veränderter Uringeruch, möglicherweise trüber Urin
  • Nierenbeckenentzündung: Fieber, möglicherweise Schmerzen in der Flanke und im Rücken. Beschwerden einer Harnblasenentzündung können dabei vorhanden sein oder fehlen

Bei Babys:

Je jünger das Kind ist, desto häufiger sind uncharakteristische Krankheitszeichen:

  • (Ansonsten unerklärtes) Fieber
  • Möglicherweise veränderter Uringeruch(»streng« riechend), trüber Urin oder sichtbares Blut im Urin
  • Möglicherweise Apathie, Trinkschwäche oder Erbrechen

Wann zum Arzt

Am nächsten Tag, wenn

  • Ihr Kind zwar nicht über Beschwerden klagt, aber sehr häufig zur Toilette geht (ohne vorher viel getrunken zu haben) oder wiederholt einnässt, nachdem es vorher für längere Zeit »trocken« war.

Noch heute, wenn

  • Ihr Kind Beschwerden hat, die zu einer Harnwegsinfektion passen.
  • Ihr Kind hohes Fieber hat, ohne dass Sie eine Ursache (wie etwa Schnupfen) feststellen können.
  • Ihr Kind mehrfach unklares Fieber hat, auch wenn das Fieber nach 1–2 Tagen von selbst wieder weggeht – es könnte sich um wiederholte Harnwegsinfektionen handeln.

Das Wichtigste aus der Medizin

Harnwegsinfektionen werden ganz überwiegend durch Bakterien hervorgerufen. Bei Babys können die Bakterien aus anderen Körpergegenden mit dem Blutstrom in die Harnwege verschleppt werden. Beim älteren Kind sind dagegen meist Darmkeime die Ursache einer Harnwegsinfektion. Darmkeime besiedeln selbst beim noch so sauberen Kind die Genitalregion und können unter ungünstigen Bedingungen über die Harnröhre in die Blase einwandern und von dort bis in die Nieren weiterziehen – der Mediziner spricht von einer aufsteigenden Harnwegsinfektion.

Dies erklärt, warum jenseits des Babyalters Mädchen zehnmal häufiger betroffen sind als Jungen: Ihre Harnröhre ist wesentlich kürzer, so dass die Bakterien erheblich schneller »am Ziel« sind.

Begünstigt werden Harnwegsinfektionen durch Entzündungen im Bereich der Geschlechtsorgane sowie vorbestehende Erkrankungen, Fehlbildungen und Abflussstörungen der Harnwege.

Ein besonders wichtiger Risikofaktor für Harnwegsinfektionen ist der vesikoureterale Reflux (= Blasen-Harnleiter-Rückfluss): Normalerweise münden die beiden Harnleiter so in die Harnblase, dass Urin zwar von der Niere zur Harnblase, aber nicht in die umgekehrte Richtung (d. h. zurück in die Niere) fließen kann. Diese sinnvolle Ventilfunktion kann aufgrund einer Fehleinmündung des Harnleiters in die Harnblase gestört sein. Steigt der Blasendruck nun beim Wasserlassen an, wird Urin und mit ihm möglicherweise Bakterien nicht nur in die Harnröhre, sondern auch in einen oder beide Harnleiter und damit zur Niere hochgepresst.

Bei Jungen sind außerdem Harnröhrenklappen verhältnismäßig häufig, eine an sich harmlose Fehlbildung, die aber die Harnröhre einengt und dadurch zu einer Abflussstörung führt.

Gefahr: Aufsteigen der Infektion

Erste »Station« eindringender Bakterien bei den allermeisten Harnwegsinfektionen ist die Harnblase. Gelingt es den Bakterien, sich hier festzusetzen, entwickelt sich eine Harnblasenentzündung oder Zystitis. Manche Mediziner sprechen auch von einer unteren Harnwegsinfektion. Sie ruft zwar häufigen Harndrang, Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen sowie möglicherweise krampfartige Schmerzen in der Schambeinregion hervor, in aller Regel aber keine Allgemeinbeschwerden und meist auch kein Fieber. Manche Kinder merken (fast) gar nichts.

Steigen die Bakterien weiter auf, kann eine Entzündung von Nierenbecken und benachbartem Nierengewebe entstehen, die Nierenbeckenentzündung (= Pyelonephritis). Das Kind bekommt Fieber und fühlt sich schlecht, gerade bei kleinen Kindern sind Übelkeit und Erbrechen häufig. Manche Kinder haben Schmerzen in Flanke oder Rücken. Dabei müssen nicht gleichzeitig die Beschwerden einer Harnblasenentzündung bestehen, das Bild kann völlig uncharakteristisch sein. Solche Harnwegsinfektionen, bei denen das Beschwerdebild eine Beteiligung der Nieren vermuten lässt, werden oft auch als obere Harnwegsinfektionen bezeichnet.

Das macht der Arzt

 

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Aktualisiert ( Donnerstag, den 29. Januar 2015 um 13:26 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München