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Klein- und Großwuchs

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 11:40 Uhr
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Klein- und Großwuchs
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
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Auch wenn das Thema »Größe« in den Familien nicht ganz so konfliktbeladen ist wie das Thema »Gewicht«: Wenn das eigene Kind regelmäßig zu den Kleinsten oder zu den Größten in seiner Gruppe gehört, fragen sich die meisten Eltern doch, ob das noch normal ist oder ob nicht vielleicht ein krankhafter Kleinwuchs(= Minderwuchs) oder Großwuchs (= Hochwuchs) vorliegt.

Leitbeschwerden

  • Kleinwuchs: Das Kind gehört zu den kleinsten 3 % seiner Altersgruppe. Anders formuliert: Seine Körperlänge liegt unter der 3%-Perzentile (3%-Kurve, siehe Perzentilenkurve)
  • Großwuchs: Das Kind gehört zu den größten 3 % seiner Altersgruppe. Anders formuliert: Seine Körperlänge liegt über der 97%-Perzentile

Wann zum Arzt

In den nächsten Wochen, wenn

  • Ihr Kind Ihnen abnorm klein oder groß erscheint, insbesondere wenn es früher gleich groß wie seine Altersgenossen war.

In den nächsten Tagen, wenn

  • Ihnen bei Ihrem sehr kleinen oder sehr großen Kind noch Weiteres auffällt, etwa eine abnorm frühe Pubertät.

Das Wichtigste aus der Medizin

Oft aufschlussreich: Ein Blick in den Spiegel

Kommt einem das eigene Kind zu klein oder zu groß vor, so sollte man als Erstes sich selber und den anderen Miterzeuger des Kindes betrachten: Wie groß ein Mensch wird, ist nämlich zu einem Gutteil erblich bedingt. Sind beide Eltern klein, so ist nicht zu erwarten, dass das Kind ein Riese wird, und wenn der Vater auf Fotos mit Kollegen regelmäßig oben herausschaut, so wundert es nicht, dass auch der Sohn seine Klassenkameraden um Haupteslänge überragt. Dieser familienbedingte bzw. familiäre Klein- oder Großwuchs zeichnet sich dadurch aus, dass das Kind spätestens ab dem Kindergartenalter zu den eher Kleinen oder den eher Großen zählt, seine Wachstumsgeschwindigkeit dabei aber normal ist. Als Anhaltspunkt kann gelten, dass Kindergarten- und Grundschulkinder etwa 5–7 cm jährlich zulegen.

Die Größen- und Pubertätsentwicklung kann verschieden sein
In der 5. bis 7. Klasse sind solche Größenunterschiede normal, vor allem bei Mädchen. Dabei sind die Größen- und Pubertätsentwicklung eng aneinander gekoppelt, und beide folgen einem erblich festgelegten Zeitplan – doch der kann um Jahre verschieden sein.
[ADM]

Auch eine andere, völlig normale Variante des Wachstums zieht sich durch die Familie: die so genannte konstitutionelle Entwicklungsverzögerung. Bei diesen Kindern lassen Pubertät und damit auch der damit verbundene Wachstumsschub einfach ein bisschen länger auf sich warten als bei ihren Altersgenossen, so dass die Kinder ab dem Zeitpunkt des durchschnittlichen Pubertätsbeginns gegenüber ihren Altersgenossen im Wachstum zurückfallen. Schlussendlich kommt die Pubertät bei diesen »Spätentwicklern« dann aber doch – und mit ihr der lang ersehnte Wachstumsschub. Das Spiegelbild wird bei der konstitutionellen Frühentwicklung beobachtet: Der ebenfalls oft familienbedingte Frühstart in die Pubertät beschert den Kindern ihren Wachstumsschub ein bis mehrere Jahre vor den anderen Kindern. Überlegen Sie daher, ob Sie selbst in puncto Wachstum und Pubertät ein Früh- oder Spätentwickler waren.

Erwähnt sei noch, dass übergewichtige Kinder ebenfalls eher groß sind.

Seltener: krankhafte Ursachen

Krankhafter Klein- oder Großwuchs ist insgesamt selten.

Einige Formen des krankhaften Wachstums sind erblich bedingt. Beispielsweise führen einige Chromosomenabweichungen, so wie etwa das Down-Syndrom oder das nur bei Mädchen auftretende Ullrich-Turner-Syndrom, regelmäßig zu Kleinwuchs. Auch einige Skelettfehlbildungen (mehr zu Erkrankungen von Knochen und Muskeln) gehen mit Kleinwuchs einher. Da die betroffenen Kinder jedoch oft noch weitere Auffälligkeiten zeigen, ist die Diagnose meist schon bekannt – der Kleinwuchs kommt also für die Eltern nicht überraschend.

Wie der krankhafte Kleinwuchs, so kann auch der krankhafte Großwuchs auf Veränderungen der Chromosomen oder erbliche Erkrankungen zurückzuführen sein. Hierzu zählen z. B. das nur bei Knaben auftretende Klinefelter-Syndrom oder das Marfan-Syndrom, bei dem zusätzlich sehr lange Gliedmaßen auffallen und die Bindegewebsstruktur verändert ist.

Manchmal liegt dem auffälligen Wachstum jedoch tatsächlich eine Hormonstörung zugrunde. Am bekanntesten ist hier der Wachstumshormonmangel. Wachstumshormon wird normalerweise in einer kleinen Drüse im Gehirn gebildet, der Hirnanhangsdrüse oder Hypophyse. Beispielsweise bei einem Tumor der Hypophyse, aber auch ohne feststellbare Ursache, kann es sein, dass die Hypophyse zu wenig oder gar kein Wachstumshormon bildet. Auch kann eines der »nachgeschalteten«, ebenfalls am Wachstum beteiligten Hormone oder Hormonempfänger gestört sein. Typischerweise wachsen die Kinder weniger als vier cm jährlich. Auch eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine Nebennierenrindenüberfunktion (mehr zu Nebennierenrindenüberfunktion und Übergewicht) kann dem Kleinwuchs zugrunde liegen.

Umgekehrt: Produziert die Hypophyse zu viel Wachstumshormon (= Wachstumshormonüberschuss), führt dies zum krankhaften Großwuchs. Auch ein krankhaft früher Pubertätsbeginn lässt Kinder zunächst schneller wachsen als ihre Altersgenossen – da das Wachstum hier jedoch vorzeitig aufhört, sind die Betroffenen als Erwachsene zumeist klein.

Zahlreiche chronische Erkrankungen können dazu führen, dass ein Kind im Wachstum zurückbleibt. Wie beim Untergewicht kommt dabei praktisch der ganze Reigen der Organerkrankungen in Betracht – Herz-, Lungen- und Darmerkrankungen ebenso wie Nieren- und Leberfunktionsstörungen sowie chronische Entzündungen, wie sie beispielsweise bei rheumatischen Erkrankungen auftreten.


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Aktualisiert ( Donnerstag, den 29. Januar 2015 um 13:16 Uhr )