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Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 11:54 Uhr
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Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
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Der Diabetes mellitus (=Zuckerkrankheit) ist die häufigste Stoffwechselstörung des Kindes- und Jugendalters: Schätzungsweise eines von dreihundert Kindern erkrankt jährlich neu daran. Derzeit steigt die Zahl der Neuerkrankungen jedes Jahr um etwa 3 % an. Warum die Erkrankung in den letzten Jahren und Jahrzehnten häufiger geworden ist, könnte mit den insgesamt »hygienischeren« Lebensbedingungen heutiger Kinder zu tun haben. Prinzipiell kann sich der Diabetes mellitus in jedem Alter erstmalig zeigen, besonders häufig ist dies jedoch während der Pubertät der Fall.

Leitbeschwerden

Diabetes mellitus Typ 1

  • Meist normalgewichtiges Kind, Entwicklung der Beschwerden rasch (in Wochen)
  • Gewichtsabnahme trotz reichlichen Essens
  • Großer Durst, Ausscheiden großer Urinmengen mit häufigem Auf-die-Toilette-Gehen (auch nachts, möglicherweise wieder auftretendes Bettnässen als erstes Zeichen)
  • Müdigkeit, Leistungsminderung
  • Oft Übelkeit, Erbrechen
  • Bewusstseinseintrübung bis zur Bewusstlosigkeit (beim diabetischen Koma), dann typischerweise auch schnelle, tiefe, nach Azeton (ähnlich Nagellack, Obst) riechende Atmung, oft auch Bauchweh

Diabetes mellitus Typ 2

  • Deutlich übergewichtiges Kind
  • Ansonsten wie Diabetes mellitus Typ 1, jedoch langsamere Beschwerdeausbildung

Wann zum Arzt

Am nächsten Tag, wenn

  • Ihr Kind Beschwerden hat, die zu einem Diabetes mellitus passen könnten, es ihm aber insgesamt noch gut geht.

Sofort, wenn

  • Ihr Kind immer mehr »eintrübt« (also teilnahmslos und schläfrig wird).

Das Wichtigste aus der Medizin

Warum steigt der Blutzucker an?

Da die Zellen des Körpers rund um die Uhr arbeiten müssen, sind sie auf eine regelmäßige Zufuhr von Energie, vor allem von Glukose (= Traubenzucker), angewiesen. Diese wird größtenteils durch die Verdauung von Kohlenhydraten aus der Nahrung gewonnen. Da wir aber nicht rund um die Uhr essen, muss das schwankende Nahrungsangebot »gestreckt« werden. Dies bewerkstelligt das Stoffwechselhormon Insulin: Liegt ein Zuckerüberschuss im Blut vor, so schleust es zum einen den Zucker in Zellen ein, zum anderen sorgt es dafür, dass er entweder in der Leber »abgelagert« wird oder zu dem noch länger haltbaren Fett umgebaut wird.

Um den Stoffwechsel auf diese Art steuern zu können, muss Insulin in immer genau der richtigen Menge vorliegen. Genau dies ist beim Gesunden der Fall: Nehmen wir eine kohlenhydrathaltige Mahlzeit zu uns, so steigt nach der Verdauung der Zuckerspiegel im Blut zunächst rasch an. Dadurch wird unsere Bauchspeicheldrüse, in der das Insulin hergestellt wird, zur Insulinausschüttung angeregt – prompt sinkt der Butzuckerspiegel aufgrund der oben beschriebenen Wirkungen wieder ab.

Kann die Bauchspeicheldrüse nicht mehr genug Insulin produzieren oder kann vorhandenes Insulin nicht wirken, so steigt der Blutzuckerspiegel an (dies erklärt z. B. den Durst und das häufige Wasserlassen). Gleichzeitig fehlt der Zucker als Energielieferant in den Körperzellen (dies erklärt die Müdigkeit und den Gewichtsverlust).

Diabetes mellitus Typ 1

Die Bauchspeicheldrüse produziert Insulin
Die Bauchspeicheldrüse produziert das lebenswichtige Insulin. Aber damit nicht genug: Ebenso wie die Leber stellt sie außerdem Verdauungssäfte und -enzyme her, die dem Speisebrei im Zwölffingerdarm beigemischt werden.
[AMR]

Bis vor wenigen Jahren war bei Kindern praktisch nur der Diabetes mellitus Typ 1 bekannt, der früher auch als jugendlicher oder insulinabhängiger Diabetes mellitus bezeichnet wurde.

Der Diabetes mellitus Typ 1 wird zu den Autoimmunerkrankungen gezählt. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass auf dem Boden einer erblichen Veranlagung Umweltfaktoren (am ehesten Virusinfektionen) die Erkrankung auslösen. Es gehen immer mehr der Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zugrunde, bis das Rest-Insulin nicht mehr zur Regulation des Blutzuckerspiegels ausreicht und die Erkrankung ausbricht.

Diabetes mellitus Typ 2

Mit Zunahme des Anteils erheblich übergewichtiger Kinder in den Industriestaaten wird auch bei Kindern immer häufiger die zweite Diabetesform beobachtet, die früher fast ausschließlich bei Erwachsenen auftrat: der Diabetes mellitus Typ 2, früher auch Erwachsenen-, Altersdiabetes oder nicht-insulinabhängiger Diabetes genannt.

Im Gegensatz zum Diabetes mellitus Typ 1 ist beim Diabetes mellitus Typ 2 durchaus genug Insulin vorhanden. Durch das Übergewicht kann das Insulin aber an den Körperzellen nicht ausreichend wirken, so dass der Blutzucker ansteigt.

Dem Diabetes mellitus Typ 2 ähnelt der sog. MODY-Diabetes, der aber erblich bedingt ist. Er ist jedoch selten.

Akute Gefahren

Ein zu hoher Blutzucker führt im Körper zu Flüssigkeitsverschiebungen, die nicht nur harntreibend wirken (und damit Durst auslösen), sondern vor allem am Gehirn ihre Spuren hinterlassen, das ganz allmählich anschwillt: Das Kind trübt dadurch zunehmend ein, es wird schläfrig und teilnahmslos und kann sogar bewusstlos werden (so genanntes diabetisches Koma). Zugleich produziert der Körper ungewohnte Mengen so genannter Ketone, die dadurch entstehen, dass der Stoffwechsel nun anstelle von Glukose große Mengen von Fett abbaut. Da die Ketone chemisch wie Säuren wirken, ist der Körper bald übersäuert, was Eltern manchmal an dem apfelartigen Geruch merken (ein solcher Geruch tritt auch bei nicht-zuckerkranken Kindern manchmal auf, zum Beispiel wenn sie lange nichts gegessen haben).

Charakteristischerweise atmet das Kind durch die Stoffwechselentgleisung auffällig schnell und tief und klagt auch häufig über Bauchweh.

Warnhinweis:

Das diabetische Koma ist bei Kindern nicht selten das »Coming out« für einen Diabetes. Aber auch Kindern mit bekanntem Diabetes können ein diabetisches Koma entwickeln, z. B. bei schwereren Infekten oder wenn sie ihr Insulin »vergessen«.

Bedrohlich: die Spätfolgen

Glücklicherweise kann der Diabetes heute gut behandelt werden, und bei guter »Einstellung« des Diabetes mit Blutzuckerwerten möglichst nahe am Normalen ist die Lebenserwartung kaum vermindert.

Dennoch sind die Zuckerspiegel im Blut selbst bei bester Behandlung nicht immer optimal. Hierdurch können Spätschäden an den Gefäßen auftreten (die bei »schlechter Einstellung« entsprechend häufiger vorkommen): Besonders häufig betroffen sind Augen (Sehstörungen durch Netzhautschädigung) und Nieren (Nierenschädigung), aber auch das gesamte Gefäßsystem kann durch eine vorzeitige Arterienverkalkung geschädigt werden.

Der »Hypo«

Früher oder später lernen Diabetiker auch den »Hypo«, also die Hypoglykämie (=Unterzuckerung) kennen – nämlich dann, wenn sie sich zu viel Insulin spritzen oder nach der Insulinspritze zu wenig essen (etwa wenn sie keinen Appetit haben). Wenn der Blutzucker in den Keller rauscht, merken die Kinder zunächst Heißhunger, Schwitzen, Unruhe und Zittern. Aber bald schon fällt ihr Gehirn aus, da es Zucker als »Brennstoff« braucht – die Kinder werden bewusstlos. Meist können sie noch rechtzeitig etwas Zuckerhaltiges trinken (z. B. Orangensaft oder auch Milch), ansonsten kann ihnen eine spezielle zuckerhaltige Paste unter die Zunge gegeben werden. Für den Notfall halten Diabetiker oder ihre Eltern aber auch eine bestimmte Hormonspritze (Glukagon) bereit, nach der die Kinder rasch wieder zu sich kommen.

Eine Hypoglykämie kann selten auch bei Nicht-Diabetikern auftreten, wie etwa bei seltenen Stoffwechselerkrankungen oder bei Jugendlichen nach Alkoholgenuss.


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Aktualisiert ( Donnerstag, den 29. Januar 2015 um 13:25 Uhr )