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Das Kindergartenkind: das vierte bis sechste Lebensjahr

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 09. Juni 2009 um 12:51 Uhr

Wenn Eltern älterer Kinder zurückblicken, dann erkennen sie zumeist, dass ihre Kinder schon in der Kindergartenzeit die Persönlichkeit waren, die sie auch aus deren späterem Leben kennen. Ob ängstlich oder mutig, locker oder pedantisch, labil oder durch nichts umzuwerfen – noch bevor wir eine Schule oder einen Kindergarten von innen gesehen haben, sind wir charakterlich schon ein ganzes Stück weit gebildet.
Ihr Kind überrascht Sie jetzt mit Reaktionen, die zeigen, wie »einsichtig« es geworden ist, wie sehr es in sich hineinschaut (»Ich bin doch ein liebes Kind, oder?«). Nach außen hat es mehr Distanz zu den Dingen entwickelt, der Hund im Bil­der­buch lockt jetzt seine Fantasie, er ist aber nicht mehr so real, dass er gestreichelt wird – er regt das Kind vielmehr an, Hund zu spielen oder gar eine eigene Hund-Geschichte zum Besten zu geben. Da ist jetzt so viel gemeinsam zu entdecken, und das macht einen Riesenspaß!

Bei solchen Entdeckungen ist sich das Kind jetzt auch immer deutlicher seiner Rolle und Position in der Gruppe bewusst – sei es in der Familie, der Nachbarschaft oder im Kinder­garten. Es gestaltet seine sozialen Beziehungen liebevoll und oft fast zeremoniell aus, gibt gerne Geschenke, hat einen »besten Freund« oder Freundin, kurz – aus dem »egoistischen« Klein­kind ist ein sozial engagiertes Kindergartenkind geworden!

Ins Reine kommen

Jetzt, wo Ihr Kind sich immer mehr zur eigenen Person entwickelt und dabei auch so manchen Konflikt eingeht, will es trotz allem mit Ihnen »im Reinen« sein. Bauen Sie nach einem Streit Brücken, lernen Sie (beide) das Wort »Entschuldigung« und auch, was eine akzeptierte Entschuldigung bedeutet: Du hast bei mir keine Schuld mehr!
Besonders das abendliche »Zwiegespräch« gewinnt jetzt an Bedeutung und ist nun mehr als nur ein Einschlafritual: Ein Lied, eine Geschichte oder auch ein Gebet schließen den Tag ab. Reden Sie ruhig auch noch über die Erlebnisse des Tages (Was war schön heute? Was hat dich heute traurig ge­macht?), insbesondere wenn Sie spüren, dass noch etwas auf Ihrem Kind lastet. »Be­reinigen« Sie den Tag, damit Ihr Kind– und Sie – beruhigt schlafen.

Alpträume

Ein »echtes« Schlafproblem kann jetzt durch Alpträume entstehen: Ihr Kind wacht weinend auf, oft in der zweiten Hälfte der Nacht, weiß meist aber nicht warum – es hat einfach Angst. Manchmal schildert es auch seine Furcht vor einem bestimmten Tier oder vor Monstern, die in seinem Zimmer sein könnten und von denen es vielleicht geträumt hat.
Erklären Sie Ihrem Kind, dass es schlecht geträumt hat und dass der Traum jetzt vorbei ist. Wenn es sich aus Furcht nicht beruhigen lässt, jagen Sie die Monster (oder wilden Tiere) zusammen weg, z. B. indem Sie mit einem Pflanzenbestäuber »Zauberwasser« unter das Bett sprühen. Bauen Sie vielleicht mit ihm am Tag einen »Traumfänger«, wie ihn etwa die Indianer benutzen, und hängen Sie ihn über das Bett, um die »bösen Träume fernzuhalten«.

»Schlafterror«

Dieses letztlich ungeklärte, aber weder krankhafte noch seltene Phänomen verläuft manchmal richtig dramatisch. Das Kind brüllt wie am Spieß, wacht aber nicht zu ­vollem Bewusstsein auf, ja, vielleicht stößt es Sie sogar fort, sobald Sie es trösten wollen.
Im Gegensatz zu den Alpträumen kommen diese Attacken vor allem im Tiefschlaf in den ersten vier Stunden nach dem Einschlafen vor. Bleiben Sie bei Ihrem Kind, auch wenn Sie es nicht aufwecken können, nach 5–45 Minuten schläft es von selbst wieder ein.

Was Ihr Kind jetzt kann!

Der vierte Geburtstag ist der erste Geburtstag, auf den sich das Kind »im Voraus« freuen kann. Überhaupt wird diese Entwicklungsphase mit viel Humor durchlaufen – vor allem, was auf dem Klo passiert, ist jetzt das Thema.

Kindergartenkinder überraschen ihre Umwelt oft durch einen ganz ausgeprägten Sinn für Fairness: Beim Teilen wird jetzt geis­tig »Buch geführt«, und Kinder, die sich unfair verhalten, werden ausgegrenzt. Die Entwicklungsforschung geht davon aus, dass dieser Sinn für Fairness zum angeborenen Grundrepertoire des Menschen (und vielleicht auch der Menschenaffen) gehört.
 

Aktualisiert ( Freitag, den 03. Juli 2009 um 13:55 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München