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Gedeihstörungen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Freitag, den 17. Juli 2009 um 09:46 Uhr

Siehe auch Gedeihstörungen beim Säugling

Unter einer Gedeihstörung versteht man eine gestörte gesamtkörperliche Entwicklung beim Kind. Die betroffenen Kinder sind für ihr Alter und für ihre Größe zu leicht. Ihr Gewicht liegt entweder unter der dritten Perzentile der Gewichtskurve (d. h. sie sind leichter als 97 % ihrer Altersgruppe), oder sie rutschen auf der Gewichtskurve immer weiter von ihrem bisherigen Verlauf ab (etwa von der 75. Perzentile unter die 25. Perzentile). Besteht die Gedeihstörung länger, so ist auch das Längenwachstum betroffen (ein solcher Kleinwuchs hat aber auch zahlreiche andere Ursachen, siehe Untergewicht und Gedeihstörungen, Klein- und Großwuchs).
Kinder gedeihen schlecht, wenn sie entweder nicht genug Nahrung zu sich nehmen, diese unzureichend verwerten oder wenn sie mehr Energie brauchen, als sie aus der Nahrung erhalten. Entsprechend viele Krankheiten können letzten Endes eine Gedeihstörung verursachen – was auch erklärt, weshalb die Tabelle so lang ist.

Gar nicht so selten kann bei einer Gedeihstörung keine organische Ursache gefunden werden. Wird das Kind in der Kinderklinik untersucht und eine Zeit lang beobachtet, so nimmt das Kind normal an Gewicht zu. Der Kinderarzt geht dann von einer psychosozialen Ursache für das mangelnde Gedeihen aus. Dahinter kann ein Zuviel an Stress zu Hause stehen, zu wenig Unterstützung beim Elternsein oder auch psychische Belas­tungen der Eltern.

Vor allem von Großeltern werden bei dünnen Enkelkindern oft Gedeihstörungen vermutet. Solange Kinder normal leistungsfähig sind, schon immer dünn waren und normal groß sind, sind diese Kinder jedoch ganz normale Kinder, bei denen man eben die Rippen zählen kann. Die Tatsache, dass das Längenwachstum normal verläuft, weist darauf hin, dass es dem Körper nicht an Energie fehlt. Der »Speckmantel« entwickelt sich im Verlauf des Lebens dann von selbst.
Viele Kinder gehen mit dem Laufenlernen durch eine »Streckungsphase«. Der Baby­speck verliert sich und das Kind wird sichtbar schlanker. Dies gilt insbesondere für gestillte Säuglinge, die in den ersten Lebensmonaten oft erheblich mehr »zulegen« als in der Normkurve vorgesehen. Auf der Wachstumskurve halten die »sich streckenden« Kinder ihr Tempo beim Längenwachstum bei, ihre Gewichtskurve flacht sich jedoch vergleichsweise ab. Solange die Kinder fit sind, ist dies normal und kein Anlass zur Sorge.

Das Körpergewicht spiegelt nämlich im ersten Lebensjahr vor allem die Nahrungszufuhr wider, selbst Kinder sehr schlanker Eltern können deshalb als Säuglinge richtig dicke »Buddhas« sein. Im Kleinkindalter da­gegen wächst das Kind mehr nach seinem genetischen Plan, das heißt, es nimmt nun langsam den Körperbau an, den auch seine Eltern haben.

Was tun bei einer Gedeihstörung?

In einem gewissen Sinne ist jede echte Gedeihstörung ein Notfall. Denn wenn Kinder nicht gedeihen, dann heißt das auch, dass ihnen Energie fehlt, um für ein gesundes Wachstum ihrer inneren Organe, ihres Skeletts und nicht zuletzt ihres Gehirns zu sorgen. Gerade deshalb ist eine Gedeihstörung bei einem Säugling (der ja durch die schnellste Wachstumsphase seines Lebens geht) noch besorgniserregender.
Dazu kommt, dass dem Wachstum des Kindes ein starkes und vielfach gegen­über störenden Einflüssen abgesichertes »Programm« zugrunde liegt, das sich nicht einfach durch kleinere Unpässlichkeiten außer Kraft setzen lässt. Ein Kind, das nicht gedeiht, hat einen Grund, und er ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, triftig.

Eine solche Ausnahme können ansonsten gesunde Babys sein, die aus unerklärlichen Gründen zu wenig trinken. Sie erscheinen zufrieden, sind recht pflegeleicht, aber melden sich einfach nicht oft genug, um ihr Wachstumspensum zu schaffen. Leider ist die Ansicht weit verbreitet, dass Säuglinge, solange sie nur »gut drauf« sind, schon das bekommen, was sie brauchen. Das stimmt nicht, es gibt, wenn auch selten, Säuglinge, denen nichts fehlt und die mit einem Lächeln auf den Lippen verhungern würden.

Auch wenn die Ursache einer Gedeihstörung in manchen Fällen offensichtlich ist, in vielen Fällen ist der Grund gar nicht so einfach zu finden. Praktisch jede Krankheit aus dem Stich­wort­register dieses Buches kann eine Ge­deih­störung verursachen, entsprechend viel Staub muss manchmal aufgewirbelt werden, bis die Ursache feststeht.

Stellen Sie Ihr Kind bei entsprechendem Ver­dacht dem Kinderarzt vor. Der erste Schritt besteht darin festzustellen, ob das Kind wirklich hinter seinem Wachs­tums­­potential zurückbleibt. Dazu wird der Arzt zu­nächst den Wachs­tums­ver­lauf der letzten Monate und Jahre genau be­gut­achten und auch errechnen, auf welcher Perzentile das Gewicht Ihres Kindes in Bezug auf die Körpergröße liegt. Eine gründliche Untersuchung schließt sich an, eventuell auch Blut-, Stuhl- und Urinuntersuchungen. Womöglich lässt Sie der Arzt auch eine Woche lang ein Ernährungsprotokoll führen. Ergibt sich durch die Untersuchungen ein gezielter Verdacht, wird entsprechend weiter ermittelt und behandelt. Dazu gehört eventuell auch eine stationäre Aufnahme. Klappt dort das Gedeihen und kann eine zugrunde liegende Erkrankung nicht gefunden werden, so deutet dies darauf hin, dass irgendwo Sand im Familiengetriebe ist. Und der kann an vielen Stellen sitzen, von einer nicht optimalen Nahrungszubereitung bis hin zu einem Übermaß an Stress oder psychischer Überforderung der Eltern. In einem solchen Fall braucht also die ganze Familie Hilfe.

Ergibt sich bei der Abklärung jedoch kein Hinweis auf eine Gedeihstörung, d. h. bescheinigt der Kinderarzt Ihrem Kind, dass es in vertretbarem Tempo »zulegt«, so sollte dieses Thema auch in der Familie zur Ruhe kommen dürfen. Ersparen Sie Ihrem Kind dann auch weitere Angriffe von mit Lebertran, Rote-Bete-Säften und sonstigen Stärkungstrunken bewaffneten Großeltern und Tanten.

Gedeihstörung. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen

Gedeihstörung

  • Bei sehr geringer oder sehr einseitiger Nahrungszufuhr
Unter- oder Fehl­er­näh­rung aus Vernachlässigung, weltanschau­lichen Gründen, bei Diät wegen chronischer Erkrankung oder bei psychischer Störung, z.B Magersucht Falls das Kind eine Diät einhält (z. B. wegen Allergien), Kinderarzt fragen. Überlegen, ob psychische Probleme des Kindes oder innerhalb der Familie hinter der Ess- und damit der Gedeihstörung liegen können. Ansonsten zum Kinderarzt gehen, denn ein beim Essen trotzendes, aber sonst gesundes Kind zeigt in aller Regel keine Gedeihstörung

Gedeihstörung

  • Beim Säugling
  • Häufiges Erbrechen
Refluxkrankheit,
bei jungen Säuglingen (meist 2.–4. Woche)
auch Magenpförtner-
verengung
Zwecks Abklärung zum Kinderarzt gehen

Gedeihstörung

  • Beim Säugling
  • Häufiges Erbrechen
Refluxkrankheit,
bei jungen Säuglingen (meist 2.–4. Woche)
auch Magenpförtner-
verengung
Zwecks Abklärung zum Kinderarzt gehen

Gedeihstörung

  • Meist Kleinkind
  • Möglicherweise Durchfälle, ­Erbrechen
  • In zeitlichem Zusammenhang mit der Einführung von (Kuh-)­Milch oder milchhaltiger Beikost
Kuhmilchallergie
(= Kuhmilchprotein­intoleranz)
Termin beim Kinderarzt ausmachen. Bei wiederholtem zeitlichen Zusammenhang zwischen Milchverzehr und Erbrechen bzw. Durchfällen bis zum Arzttermin keine Milch mehr geben

Gedeihstörung

  • Meist Kleinkind
  • Häufig Husten oder unklares Fieber
  • Häufig voluminöse, fettglänzende Stühle
Mukoviszidose Ausgeprägte Formen der Mukoviszidose zeigen sich schon im Babyalter, je leichter die Erkrankung verläuft, desto uncharakteristischer ist aber oft das Beschwerdebild und desto später wird sie entdeckt. Termin beim Kinderarzt ausmachen

Gedeihstörung

  • Meist Kleinkind, etwa 1–6 Monate nach Getreidefütterung
  • Oft »dicker«, geblähter Bauch und dünne Beine
  • Übel riechende Stühle
  • Missmutigkeit, Reizbarkeit
Zöliakie Termin beim Kinderarzt ausmachen. Für den Zusammenhang zwischen Schwere der Erkrankung und Zeitpunkt der Beschwerden bzw. Diagnose gilt das Gleiche wie bei der Mukoviszidose (siehe oben) – dass das Kind schon ein Jahr Getreide­produkte bekommen hat, schließt eine Zöliakie nicht aus

Gedeihstörungen

  • Meist Kleinkind
  • Mit Verzögerung der geistigen und/oder körperlichen Entwicklung
Verschiedene Störungen v.a. des Eiweiß- oder Kohlenhydratstoffwechsels oder der Chromo­somen (= Erbgut) Möglichst bald durch den Kinderarzt abklären lassen, da ein Teil der Stoffwechselstörungen behandelbar ist und eine frühzeitige Diagnose die Aussichten des Kindes verbessert

Gedeihstörung

  • Durchfälle (5- bis 30-mal am Tag), oft blutig-schleimig
  • Meist älteres Kind
  • Möglicherweise Übelkeit, ­Erbrechen, Fieber
Chronische
Darmentzündung (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn)
Termin beim Kinderarzt ausmachen, je rascher die Beschwerden entstanden sind, desto schneller. Bei Zeichen der Austrocknung am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen

Gedeihstörung

  • Nach durchgemachter lang dauernder, schwerer Infektion oder Erkrankung
Normale Reaktion des Körpers Nach schweren Erkrankungen jeglicher Art braucht der Körper oft eine ganze Weile, um sich zu erholen, oft ist das Kind noch erschöpft und schlapp. Falls sich ­jedoch über Wochen keine Besserung zeigt, zum Kinderarzt gehen

Gedeihstörung

  • Uncharakteristische Bauch­beschwerden
Wurmerkrankungen Termin beim Kinderarzt ausmachen. Bei entsprechendem Verdacht bis dahin Stuhl des Kindes beobachten

Gedeihstörung

  • Möglicherweise unklare Fieber­schübe oder ständig erhöhte ­Körpertemperatur, Nachtschweiß
  • Möglicherweise Lymphknotenschwellungen
Chronische Infektionen, z. B. Harnwegsinfekte, Tuberkulose, HIV-Infektion, bösartige ­Tumoren, z. B. Leukämie, Lymphome, Neuro­blas­tom Chronische Infektionen und bösartige Erkrankungen verlaufen zu Beginn oft ähnlich und uncharakteristisch ohne richtungweisende Beschwerden. Bei Gedeihstörung und allgemeinem Unwohlsein, ohne dass Sie dies näher eingrenzen können, daher immer Termin beim Kinderarzt zur Abklärung ausmachen
Gedeihstörung Chronische Organerkrankung, z. B. Praktisch jede chronische Organ­erkran­kung kann zu einer Gedeihstörung führen, wobei die richtungsweisenden weiteren Organbeschwerden diskret sein können. Bei entsprechendem Verdacht daher Termin beim Kinderarzt ausmachen
  • Verminderte Belastbarkeit, Luftnot bei Belastung
  • Schlappheit, möglicherweise fahle Haut, Wassereinlagerungen
  • Schlappheit, möglicherweise uncharakteristische Oberbauchbeschwerden, gelbe Hautverfärbung
  • Lebererkrankungen

Gedeihstörung

  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit
  • Starker Durst, vermehrtes Wasserlassen
Diabetes mellitus (=Zuckerkrankheit) In den nächsten Tagen zwecks Abklärung zum Kinderarzt gehen. Bei Zustandsverschlechterung am gleichen Tag, bei Schläfrigkeit sofort zum Arzt gehen

Gedeihstörung

  • Zittern, Nervosität, Schlaflosigkeit
  • Häufig vermehrtes Schwitzen
  • Möglicherweise Durchfälle
Schilddrüsenüberfunk­tion Termin beim Kinderarzt ausmachen, da eine Schilddrüsenüberfunktion nur durch eine Blutuntersuchung festgestellt werden kann
Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 14:54 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München