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Blinddarmentzündung (Appendizitis)

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 09:55 Uhr
Häufigkeit: Häufigkeit 4 von 5: Häufig

Der Begriff Blinddarmentzündung beruht auf einem Missverständnis: Entzündet ist nämlich nicht der Blinddarm, sondern der Wurmfortsatz (= Appendix vermiformis), ein kleines, blind endendes Anhängsel des Blinddarms. Deshalb heißt die Blinddarmentzündung in der Fachsprache auch Appendizitis.

Eine Blinddarmentzündung kann in jedem Alter vorkommen, besonders häufig ist sie aber ab dem Grundschulalter.

Leitbeschwerden

  • Zunehmende Bauchschmerzen, die im Oberbauch oder um den Nabel herum beginnen und dann in den rechten Unterbauch wandern.
  • Die Schmerzen sind an bestimmten Druckpunkten besonders stark, etwa am so genannten McBurney-Punkt in der Mitte zwischen dem Nabel und dem Vorsprung des vorderen rechten Beckenknochens (dieser Vorsprung ist in Rückenlage vorne am Oberrand der Beckenschaufel gut sichtbar)
  • Die Schmerzen nehmen bei Erschütterung, z. B. beim Hüpfen auf einem Bein, zu. In ausgeprägten Fällen ist schon das Gehen schmerzhaft (Kind will getragen werden). Um Schmerzen zu vermeiden liegt das Kind oft mit angezogenen Beinen auf der (oft rechten) Seite
  • Appetitlosigkeit, möglicherweise auch Übelkeit, Erbrechen
  • Leichtes Fieber um 38 °C (rektal)
  • Begleitend möglicherweise leichter Durchfall oder Verstopfung
  • Vorsicht! Da der Wurmfortsatz nicht bei allen Menschen an der gleichen Stelle liegt, sind die Beschwerden nicht immer typisch

Wann zum Arzt

Heute noch, wenn

  • Ihr Kind zwar mäßige, aber unerklärbare Bauchschmerzen hat, die nicht weggehen wollen.

Sofort, wenn

  • Ihr Kind Bauchschmerzen hat, die wie oben dargestellt in den rechten Unterbauch gewandert sind.
  • Der Bauch Ihres Kindes sich hart anfühlt.
  • Es Ihrem Kind mit Bauchschmerzen immer schlechter geht.

Das Wichtigste aus der Medizin

Woher kommt die Blinddarmentzündung?

So wenig über die Funktion des Blinddarms bekannt ist, so wenig wissen Mediziner, warum er sich bei immerhin 7 % der Menschen im Laufe des Lebens einmal entzündet.

Am Anfang des Geschehens könnte z. B. ein kleiner so genannter Kotstein (ein stark verfestigtes Stück Stuhl) stehen, der den Wurmfortsatz verlegt. Durch den Druck von innen kann das Blut nicht mehr richtig aus der Wand des Wurmfortsatzes abfließen, und der Wurmfortsatz schwillt an, so dass sich die im Darm reichlich vorhandenen Bakterien festsetzen und eine eitrige Entzündung auslösen können.

Gefährlich: Durchbruch

Gefährlich kann es werden, wenn die Blinddarmentzündung fortschreitet. Der Wurmfortsatz kann nämlich innerhalb von 24 Stunden platzen, die eitrige Entzündung bricht nun in den Bauchraum »durch« und breitet sich auf das Bauchfell aus (Bauchfellentzündung oder Peritonitis). Beim Durchbruch lassen die Schmerzen zuerst nach, nach wenigen Stunden werden sie jedoch wieder schlimmer und der Bauch wird »bretthart«, das Kind fiebrig und teilnahmslos.

Auch eine Abszessbildung (abgekapselte Eiteransammlung), am häufigsten um den Wurmfortsatz herum, ist möglich. Ein solcher perityphlitischer Abszess kann manchmal sogar von selbst abheilen.

Das macht der Arzt

In fortgeschrittenen Fällen ist der Befund bei der Bauchabtastung recht typisch, und das Kind wird ohne zusätzliche Untersuchungen in die Klinik eingewiesen.

Manchmal jedoch werden weitere Tests in der Praxis erforderlich, etwa eine Urinuntersuchung, die eine manchmal ähnlich verlaufende Harnwegsentzündung ausschließt. Die Ultraschalluntersuchung (Sonographie) kann den verdickten Wurmfortsatz oft darstellen. Eine Blutuntersuchung zeigt entzündliche Veränderungen, kann aber eine Blinddarmentzündung weder beweisen noch ausschließen.

Ist trotz dieser Untersuchungen keine sichere Diagnose möglich, ist auch heute noch eine Krankenhausaufnahme manchmal die beste Lösung – entweder um nur dort verfügbare Untersuchungen zu machen (etwa eine Computertomographie des Bauches) oder um das Kind engmaschig beobachten zu können. Klingen die Beschwerden ab, wird das Kind nach einem Tag entlassen.

Einzig mögliche Behandlung bei einer akuten Blinddarmentzündung ist die Operation, d. h. die Blinddarmentfernung (= Appendektomie). Der Eingriff wird in Vollnarkose durchgeführt, und zwar entweder durch einen »klassischen« (später oft kaum mehr sichtbaren) Bauchschnitt oder als sog. minimal invasives Verfahren. Bei Letzterem werden über kleine, in die Bauchwand gesetzte »Löcher« eine Videokamera und lange, von außen gesteuerte Operationsinstrumente eingeführt und der Wurmfortsatz unter Sicht (am Bildschirm) entfernt.

Einige Krankenhäuser führen die Blinddarmentfernung ambulant durch, in aller Regel müssen Sie aber mit einem Krankenhausaufenthalt von einer halben bis einer Woche rechnen. Danach sollte das Kind noch ein paar Tage aus Kindergarten oder Schule zu Hause bleiben und sich schonen. Sport ist erst nach 4–6 Wochen wieder erlaubt, wenn die Bauchwunde voll verheilt ist.

Komplikationen

In aller Regel verläuft der Eingriff komplikationslos. Selten aber verkleben Darmschlingen bei der Narbenbildung miteinander oder es bilden sich Narbenstränge, die den Darm einengen. Diese Komplikationen führen oft schon in den ersten Monaten nach der Operation zu erneuten Beschwerden und können eine abermalige Operation erfordern.

So helfen Sie Ihrem Kind

Maßnahmen bis zum Arztbesuch

  • Kind hinlegen lassen.
  • Nichts mehr zu essen oder zu trinken geben, da möglicherweise operiert werden muss.
  • Keine Wärme auf den Bauch (verschlimmert die Blinddarmentzündung).
  • Keine Schmerzmittel geben – sie verschleiern das Bild und erschweren dadurch die Diagnose.

Bei einer Blinddarmentzündung können weder Sie selbst noch die Naturheilkunde Ihrem Kind helfen. Vorbeugen kann man einer Blinddarmentzündung nicht.

Aktualisiert ( Donnerstag, den 19. November 2009 um 09:24 Uhr )