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Blutungsneigung, Blutgerinnungsstörungen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 09:14 Uhr
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Blutungsneigung, Blutgerinnungsstörungen
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
So helfen Sie Ihrem Kind
Weiterführende Informationen
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Häufigkeit: Häufigkeit 2 von 5: Eher selten

Dass Kinder häufiger bluten und blaue Flecke haben als Erwachsene, hat meist eine ganz natürliche Ursache: Sie fallen einfach oft hin und sind bei Spiel und Sport mit vollem Körpereinsatz dabei. Auch das Nasenbluten ist im Kindesalter extrem häufig – der Grund sind die häufigen Erkältungen und die kleinen Fingerchen, die die Krusten dann einfach beseitigen müssen. Hinter Nasenbluten steckt praktisch immer eine gestresste Nasenschleimhaut und praktisch nie eine Blutgerinnungsstörung.

Manche Kinder bluten aber wirklich mehr als normal – der Mediziner spricht von einer Blutungsneigung. Ihre Häufigkeit ist schwer zu schätzen: Ganz milde, meist unbemerkte Formen sind wahrscheinlich recht häufig – Schätzungen reichen bis ca. 1 %. Ernste und für das Kind gefährliche Formen sind aber selten.

Leitbeschwerden

  • Ständig blaue Flecke, auch an ungewohnten Stellen
  • Nach kleinen Wunden heftige und verlängerte Blutungen
  • Ungewöhnliche Blutungen (etwa in die Gelenke)
  • Bei Mädchen: verstärkte Regelblutungen

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen, wenn

  • Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind »ohne Ursache« oft blaue Flecken hat oder mehr und vor allem länger blutet als andere Kinder.

Noch heute, wenn

  • Ihr Kind nach einer Erkältung oder sonstigen Infektion stecknadelkopfgroße bis flächige, nicht erhabene rote Hautflecken bekommt.

Sofort, wenn

  • Eine Blutung einfach nicht aufhört.

Das Wichtigste aus der Medizin

Einblutung in Leiste und Unterarm
Einblutungen können Folge einer etwas härteren Rauferei am Schulhof sein – aber natürlich auch Zeichen einer echten Blutungsneigung. Vor allem bei gehäuftem Auftreten oder Auftreten an für Kinder untypischen Stellen sollten die Eltern den Kinderarzt aufsuchen.
[RKL]

Wie sich der Körper vor Blutverlust schützt

In unserem Körper werden ständig Blutgefäße aus den verschiedensten Gründen undicht, ohne dass wir dies überhaupt bemerken. Und auch wenn wir uns verletzen, kommt es nur ganz selten zu einer ernsten oder sogar lebensbedrohlichen Blutung. Denn die Natur hat gut vorgesorgt:

  • Im Augenblick einer Verletzung zieht sich das verletzte Gefäß gewissermaßen als Sofortmaßnahme zusammen und seine Wände verkleben, um das »Loch« zu schließen.
  • Blutplättchen ballen sich zusammen, der daraus entstehende Pfropf stopft den Defekt förmlich zu.
  • Durch diese Vorgänge werden bestimmte Eiweiße im Blut, die Blutgerinnungsfaktoren, aktiviert, und es bildet sich ein fester, klebeartiger Stoff, das Fibrin. Erst jetzt ist die Blutung definitiv gestillt.

Drei Wege zur Blutungsneigung

Am Stillen von Blutungen sind also Blutgefäße, Blutplättchen und Gerinnungsfaktoren beteiligt. Entsprechend kann auch die Ursache für eine erhöhte Blutungsneigung in jedem dieser drei Bereiche liegen:

Gefäße: Die Gefäßwände können »undicht« werden und Blut hindurchlassen. Hierdurch entsteht an der Haut ein charakteristischer Ausschlag (Purpura). Ursächlich liegt z. B. eine Überreaktion des Immunsystems bei manchen Infektionen zugrunde. Bei diesem auch als Purpura Schönlein-Henoch bezeichneten Krankheitsbild bekommt das Kind (meist zwischen zwei und acht Jahren alt) nach einer Erkältung einen roten Ausschlag, stecknadelkopfgroße Hautblutungen (Petechien) oder flächige Hautunterblutungen. Oft hat es Bauchschmerzen als Zeichen einer Darmbeteiligung, die Gelenke können wehtun, und möglicherweise ist auch der Urin blutig. Eine Gehirnbeteiligung ist jedoch glücklicherweise selten.

Blutplättchen: Auch wenn das Blut zu wenige Blutplättchen enthält oder die Blutplättchen nicht richtig funktionieren, können Blutungen die Folge sein, vor allem stecknadelkopfgroße Hautblutungen. Hauptursache bei Kindern sind auch hier wieder Überreaktionen des Immunsystems nach einem Infekt, bei denen Blutplättchen zerstört werden. Diese idiopathische thrombozytopenische Purpura ähnelt im Krankheitsbild der Purpura Schönlein-Henoch.

Gerinnungsfaktoren: Manche Kinder können infolge eines angeborenen genetischen Defekts einzelne Blutgerinnungsfaktoren nicht ausreichend bilden.

Blutig, aber harmlos: Nasenbluten

Die häufigste Blutung bei Kindern ist keine Blutkrankheit: das Nasenbluten

. Es entsteht vor allem im Winter, wenn die durch die trockene Luft ausgetrocknete oder durch Erkältungen aufgequollene Schleimhaut von »popelsuchenden« Fingern heimgesucht wird und die in der Nase sehr oberflächlich verlaufenden Venen dabei »angebohrt« werden. Oft heilen diese Stellen schlecht ab, so dass die sich bildende Kruste immer aufs Neue abgerissen wird. Eine echte Blutkrankheit sollte nur dann vermutet werden, wenn auch an anderen Stellen des Körpers ungewöhnliche Blutungen auftreten.

Am häufigsten tritt hier das Willebrand-Jürgens-Syndromauf, seltener die Bluterkrankheit (= Hämophilie, je nach fehlendem Faktor alsHämophilie A oder Hämophilie B bezeichnet). Viele dieser Gerinnungsstörungen verlaufen mild und werden nur zufällig erkannt, beispielsweise bei einem routinemäßigen Gerinnungstest vor einer Operation. Schwere Formen treten vor allem bei der Bluterkrankheit auf und führen bereits früh zu Blutungen »ohne Ursache«, meist schon vor dem ersten Geburtstag. Besonders charakteristisch für die Bluterkrankheit sind Blutungen in die Gelenke.


Das macht der Arzt

Die verschiedenen Störungen können durch teils sehr komplizierte Blutuntersuchungen unterschieden werden.

Die Behandlung ist abhängig von Form und Schwere der Erkrankung. Milde Formen der Purpura Schönlein-Henoch oder der idiopathischen thrombozytopenischen Purpura brauchen gar nicht behandelt zu werden. Das Kind wird aber regelmäßig nachuntersucht, bis alle Laborbefunde wieder normal sind. Bei schweren Formen wird vor allem Kortison gegeben, in sehr seltenen Notfällen kann auch einmal eine Infusion mit Blutplättchen erforderlich werden.

Das Willebrand-Jürgens-Syndrom verläuft oft milde, so dass nur bei Verletzungen oder Operationen besondere Maßnahmen notwendig sind. Hingegen müssen bei vielen Bluterkranken die fehlenden Gerinnungsfaktoren regelmäßig ersetzt werden, um schwere Blutungen mit bleibenden Schäden etwa an den Gelenken zu verhindern. Heute können viele der entsprechenden Faktoren-Konzentrate gentechnologisch hergestellt werden, so dass das Kind sich darüber nicht mehr an Hepatitis oder HIV anstecken kann, was noch vor 20 Jahren leider häufig der Fall war.


So helfen Sie Ihrem Kind

Die vorübergehenden Blutungsneigungen erfordern von Ihnen als Eltern vor allem viel Geduld bei der Beschäftigung mit dem Kind. Denn hauptsächlich sind jüngere Kinder betroffen, die noch nicht so recht verstehen können, dass sie nun auf einmal nicht toben sollen. Bei den meisten Kindern ist aber der Spuk nach wenigen Wochen vorbei und das Leben wieder (weitgehend) normal.

Anders beim Willebrand-Jürgens-Syndrom und bei der Bluterkrankheit – sie bleiben ein Leben lang bestehen. Bei milden Formen sind im praktischen Alltag keinerlei besondere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich, eine erhöhte Gefährdung besteht nur bei Unfällen oder Operationen. Ausgeprägtere Formen jedoch werfen wie alle chronischen Erkrankungen unzählige Fragen auf – »Welchen Sport darf mein Kind treiben?« oder »Ich kann ihm doch nicht alles verbieten, wie schütze ich es denn am besten vor Verletzungen?« Sinnvoll sind daher die Anbindung an ein spezialisiertes Zentrum und der Anschluss an Selbsthilfegruppen.

Was Sie bei Nasenbluten tun können, wird unter "Das Wichtigste aus der Medizin" besprochen.


Weiterführende Informationen

  • www.dhg.deDeutsche Hämophilie-Gesellschaft, Neumann-Reichardt-Str. 34, 22041 Hamburg
  • www.igh.infoInteressengemeinschaft Hämophiler e.V., Ermekeilstr. 38, 53113 Bonn
Aktualisiert ( Donnerstag, den 19. November 2009 um 09:12 Uhr )