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Einnässen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 12:16 Uhr
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Einnässen
Das Wichtigste aus der Medizin
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Beim Einnässen (= Enuresis) ist ein Kind auch nach seinem fünften Geburtstag noch nicht trocken, entweder bei Tag (Enuresis diurna, im Volksmund auch als Hosenässen bezeichnet) und/oder während der Nacht (Enuresis nocturna, im Volksmund auch Bettnässen genannt).

Bei einer primären Enuresis war das Kind noch nie zuvor über längere Zeit trocken, bei einer sekundären Enuresis handelt es sich um ein Wiedereinnässen nach einer »Trockenperiode« von mindestens einem halben Jahr.

Einnässen ist häufiger, als man zunächst annehmen mag, wobei das isolierte nächtliche Einnässen mit rund 80 % aller Fälle am verbreitetsten ist. Schätzungen zufolge sind etwa 10 % aller Siebenjährigen und immerhin noch rund 1–2 % der Jugendlichen nachts noch nicht trocken! Nächtliches Einnässen kommt bei Jungen fast doppelt so oft vor wie bei Mädchen, wohingegen Einnässen über Tag bei Mädchen häufiger zu beobachten ist.

Das Einkoten (= Enkopresis) – also die fehlende Kontrolle über die Darmentleerung – tritt im Vergleich zum Einnässen viel seltener auf und hat auch ganz andere Ursachen.

Leitbeschwerden

  • Unwillkürliches Einnässen nach dem fünften Geburtstag über länger als drei Monate, bei unter Siebenjährigen mindestens zweimal, bei über Siebenjährigen mindestens einmal pro Monat
  • Kein Nachweis organischer Erkrankungen

Wann zum Arzt

Bei Gelegenheit, wenn

  • Ihr Kind im Sinne obiger Definition einnässt.

In den nächsten 2–4 Wochen, wenn

  • Ihr Kind wieder regelmäßig einnässt, obwohl es vorher schon trocken war und Sie sich dies nicht durch besondere Belastungen oder veränderte Lebensumstände erklären können.

Morgen, wenn

  • Ihr Kind große Mengen Urin lässt, auffällig viel trinkt und sich sein Allgemeinbefinden in letzter Zeit verschlechtert hat – dies weist auf eine Stoffwechselerkrankung als Ursache hin.

Heute noch, wenn

  • Ihr Kind wieder einnässt, nachdem es vorher schon trocken war und es gleichzeitig Fieber oder neu aufgetretene Beschwerden beim Wasserlassen hat (Hinweis auf einen Harnwegsinfekt).

Das Wichtigste aus der Medizin

Was ist überhaupt Einnässen?

Das Wichtigste vorab: Wenn Ihre Vierjährige gelegentlich so in ihr Spiel versunken ist, dass sie »vergisst« auf die Toilette zu gehen, oder Ihrem Fünfjährigen ab und an ein nächtliches »Malheur« passiert, ist dies absolut normal und kein Grund zur Besorgnis – auch wenn die Großmutter oder die Nachbarin dies vielleicht anders sieht! Auch können vor allem bei Mädchen äußere Faktoren eine Rolle spielen, etwa ungepflegte Toiletten im Kindergarten.

Die meisten Mediziner sprechen von Einnässen, wenn ein Kind nach dem fünften Geburtstag noch nicht trocken ist. Diese Altersgrenze orientiert sich an der statistischen Norm und ist damit letztlich willkürlich gewählt – einige setzen die Grenze für das Sauberwerden über Tag eher um den vierten und für die Nacht eher um den sechsten Geburtstag an.

Gelegentliche »Unfälle« kommen auch bei Älteren immer mal wieder vor und sind ebenfalls kein Grund zur Besorgnis. Praktisch alle Eltern kennen solche Missgeschicke – besonders »riskant« ist beispielsweise die Nacht nach einem Kindergeburtstag mit allzu reichlichem Genuss süßer Getränke zum Abendessen oder die erste Nacht nach einer aufregenden Fahrt in den Urlaub. Zweites Kriterium neben der Altersgrenze ist also die Regelmäßigkeit, wobei bei unter Siebenjährigen mindestens zweimal, bei über Siebenjährigen mindestens einmal pro Monat als »regelmäßig« gilt.

Ähnlich wie bei anderen kindlichen Entwicklungsschritten ist die Spannbreite des Normalen auch beim Sauberwerden groß. Die meisten Kinder sind mit drei Jahren über Tag und mit etwa vier Jahren auch über Nacht trocken, Jungen durchschnittlich etwas später als Mädchen. Es gibt aber auch Kinder, die ein bisschen später dran sind (und dafür vielleicht sofort tags wie nachts auf die Windel verzichten), und Kinder, die mit zweieinhalb Jahren über Tag trocken sind, aber nachts noch weitere zwei Jahre eine Windel brauchen. Ruhe und Gelassenheit sind daher beim Thema Sauberkeitserziehung unverzichtbare Zutaten!

Häufiges ist häufig ...

Die häufigste Form des Einnässens überhaupt ist das isolierte nächtliche Einnässen ohne weitere krankhafte Befunde, die sogenannte monosymptomatische (primäre) Enuresis nocturna. Das Kind – meist handelt es sich um einen Jungen – »wird einfach nicht trocken«, ist aber ansonsten völlig unauffällig. Typischerweise lässt sich das Kind nur sehr schwer aufwecken.

Die Mediziner gehen heute davon aus, dass hier mehrere ungünstige Faktoren zusammentreffen:

  • Während ein Säugling tags wie nachts in etwa gleiche Urinmengen produziert, verschiebt sich die Urinproduktion beim Klein- und Kindergartenkind immer mehr zum Tag hin. Dies hängt mit einer abends und nachts erhöhten Produktion des Hormons ADH (= antidiuretisches Hormon) zusammen, das den Urin konzentriert und so die Urinmenge über Nacht vermindert. Bei einigen Kindern nun dauert es ein wenig länger, bis sich dieser neue Tagesrhythmus herausgebildet hat. Die nächtliche Urinmenge bleibt also länger hoch – mit entsprechend gesteigertem Risiko nächtlichen Einnässens.
  • Auch sind genetische Einflüsse von Bedeutung: Hatte ein Elternteil Probleme mit dem nächtlichen Trockenwerden, so ist dies mit über 40 % Wahrscheinlichkeit auch für Kinder zu erwarten, und bei zwei betroffenen Elternteilen steigt diese Wahrscheinlichkeit sogar auf über 70 %.
  • Begünstigend wirken eine zu frühe oder zu rigide Sauberkeitserziehung sowie weitere Belastungen aller Art (Umzug, Geburt eines Geschwisterchens).

... und Seltenes ist selten

Nur bei wenigen Kindern spielen andere Faktoren eine Rolle:

  • Bei manchen Kindern, vor allem solchen, die vorzugsweise am Tag einnässen, ist die Blasenkontrolle unzureichend (der Mediziner spricht auch von einer funktionellen Blasenfunktionsstörung). Die betroffenen Kinder haben, vielleicht aufgrund eines unzureichenden Zusammenspiels der an der Blasenentleerung beteiligten Muskeln, einen häufigen, schnell einsetzenden Harndrang. Entsprechend fallen den Eltern oft »Haltemanöver« wie Zusammenpressen der Beine oder In-die-Hocke-Gehen auf.
  • Das Einnässen eines vormals »trockenen Kindes« ist oft die Folge psychischer Belastungen. Das Spektrum möglicher Auslöser ist weit und reicht von der Geburt eines Geschwisterkindes über Partnerprobleme der Eltern bis zur schulischen Überforderung oder sexuellem Missbrauch.

Abzugrenzen: organische Störung

 

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Aktualisiert ( Donnerstag, den 29. Januar 2015 um 13:30 Uhr )