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Zu frühe oder zu späte Pubertät

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 11:43 Uhr
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Zu frühe oder zu späte Pubertät
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
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Von den Jugendlichen manchmal herbeigesehnt, von den Eltern oft gefürchtet: die Pubertät, die Jahre, in der das Kind auch äußerlich zum Erwachsenen wird. Hier fühlen sich viele Eltern noch unsicherer als bei Größe oder Gewicht, was denn »noch« normal ist.

Leitbeschwerden

  • Zu frühe Pubertät: Einsetzen der Pubertät bei Mädchen vor dem 9., bei Jungen vor dem 10. Geburtstag
  • Zu späte Pubertät: Fehlen jeglicher Pubertätszeichen bei Mädchen nach dem 14., bei Jungen nach dem 16. Geburtstag

Wann zum Arzt

Bei Gelegenheit, wenn

  • Sie Zweifel haben, ob die Pubertät bei Ihrem Kind altersgerecht verläuft. Generell gilt: Eine medizinische Abklärung ist dann sinnvoll, wenn ein Mädchen schon vor dem 9. Geburtstag mit der Brustentwicklung beginnt bzw. schon vor dem 11. Geburtstag seine Periode hat – insbesondere wenn es sich um schlanke Mädchen handelt. Auch wenn ein Junge schon vor dem 10. Geburtstag in die Pubertät kommt, sollten Sie mit dem Arzt darüber reden.

In den nächsten Wochen, wenn

  • Bei Ihrem Kind die Pubertät nicht nur sehr früh, sondern auch sehr schnell eintritt oder es sich auch sonst verändert.
  • Nach normalem Pubertätsbeginn die Pubertät »stehen bleibt«.

Das Wichtigste aus der Medizin

Die »normale« Pubertät

Normalerweise setzt die Pubertät beim Mädchen ungefähr mit zehn Jahren und beim Jungen etwa zwei Jahre später ein: Brust bzw. Penis und Hoden wachsen und die Schambehaarung beginnt zu sprießen. Etwa mit 13 Jahren (im Durchschnitt etwa 2,5 Jahre nach Beginn der Brustentwicklung) bekommen Mädchen ihre erste Regelblutung (= Menarche). Ein Jahr zuvor haben sie ihren größten Wachstumsschub, der dann mit der Menstruation rasch abklingt – mit der Menstruation hat ein Mädchen schon 95 % seiner Endgröße erreicht.

Die ersten nächtlichen Samenergüsse fallen beim Jungen meist in die Zeit zwischen dem 14. und 15. Geburtstag. In dieser Zeit, etwa zwei Jahre nach den Mädchen, beginnt der »Wachstumsspurt« des Jungen.

Doch diese nüchternen Zahlen spiegeln nicht die große Schwankungsbreite des Normalen wider: Ein Mädchen, das mit neun seine erste Regelblutung bekommt, kann genauso »normal« sein wie der Junge, der mit 15 noch immer vergeblich den Bartwuchs »herbeizurasieren« sucht.

Während übergewichtige Mädchen ihre Pubertät eher früher beginnen, sind übergewichtige Jungs eher »spät dran«. Beides hat damit zu tun, dass das Fettgewebe auch kleine Mengen von Östrogenen bilden kann – welche beim Mädchen die Pubertät eher unterstützen, beim Jungen dagegen eher hemmen.

In diesem Zusammenhang wird vermutet, dass der bessere »Ernährungszustand« einer der Gründe ist, weshalb die Pubertät bei Kindern heute deutlich früher einsetzt als noch vor wenigen Generationen (sogenannte Akzeleration) – in der Tat hat sich die Kindheit über diese Zeit um immerhin 2–3 Jahre verkürzt!

Brustentwicklung in der Pubertät bei einem Jungen
Am Anfang der Pubertät funktioniert das Zusammenspiel der Geschlechtshormone manchmal noch nicht ganz perfekt: Es kann dann bei Jungen vorübergehend zu einer andeutungsweisen ein- oder beidseitigen Entwicklung der Brüste kommen. Nach ein paar Monaten legt sich das – zumindest bei Jungs mit normalem Körpergewicht – dann wieder.
[RKL]

Verfrühte Pubertät

Von einer »zu frühen« Pubertät wird dann gesprochen, wenn ein Mädchen schon vor dem 9. Lebensjahr Brüste entwickelt oder sich die Hoden bei einem Jungen schon vor dem 10. Lebensjahr vergrößern (dabei bilden sich dann in der Regel auch die ersten Schamhaare). Mädchen sind viermal häufiger betroffen als Jungen.

Bei der sog. echten verfrühten Pubertät (= Pubertas praecox vera) gibt das Gehirn den »Startschuss« für die Pubertätsentwicklung zu früh, insbesondere bei Mädchen – meist ohne dass eine Ursache hierfür feststellbar wäre. Die verschiedenen Pubertätsstadien setzen dabei in ihrer normalen Reihenfolge ein.

Ähnliches gilt für die familienbedingten Formen der verfrühten Pubertät, konstitutionelle Frühentwicklung, genannt. Bei diesen Kindern waren auch die Eltern »Frühentwickler«, eine Ursache ist nicht feststellbar.

  • Hingegen werden bei der verfrühten Scheinpubertät (= Pseudopubertas praecox) auch ohne »Startschuss« des Gehirns Geschlechtshormone gebildet, oft in dafür eigentlich gar nicht vorgesehenen Organen: etwa beim adrenogenitalen Syndrom (mehr zu adrenogenitalen Syndrom) oder bei manchen Tumoren. Typisch ist, dass die Hoden (bzw. – nicht von außen sichtbar – die Eierstöcke) klein bleiben.

Verspätete Pubertät

Umgekehrt kann die Pubertät auch (im Vergleich zur überwältigenden Mehrheit) verspätet sein – hiervon sind Jungen häufiger betroffen als Mädchen. Bei diesen Kindern bleibt bis zum 14. bzw. 16. Lebensjahr Brustentwicklung oder Hodenwachstum aus. Die häufigste Ursache sind familienbedingte Formen, die so genannte konstitutionelle Entwicklungsverzögerung. Diese »Spätzünder« sind – wie meist ihre Eltern eine Generation vorher – in ihrer allgemeinen körperlichen Reifung hinterher, was sich im Röntgenbild auch an den Knochen nachweisen lässt.

Andere Formen sind selten: Alle chronischen Organerkrankungen können nicht nur Untergewicht und Kleinwuchs bedingen, sondern auch die Pubertät hinauszögern. Auch hormonelle Störungen, etwa im Rahmen von Chromosomenstörungen, bei Schilddrüsenunterfunktion oder Schäden der Hoden oder Eierstöcke, können zu einem Ausbleiben der Pubertät führen.


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Aktualisiert ( Donnerstag, den 29. Januar 2015 um 13:20 Uhr )