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Krampfanfälle und Epilepsie

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Mittwoch, den 08. Oktober 2008 um 08:42 Uhr
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Krampfanfälle und Epilepsie
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
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Bei Krampfanfällen (= zerebralen Anfällen, epileptischen Anfällen) handelt es sich um kurzzeitige Funktionsstörungen des Gehirns. Mehr als 5 % aller Menschen erleiden mindestens einmal in ihrem Leben einen zerebralen Anfall. Krampfanfälle kommen in zwei Formen vor: als Gelegenheitskrämpfe und als Epilepsie.

Gelegenheitskrämpfe sind Krampfanfälle, die sich nur unter außergewöhnlichen Belastungen ereignen. Ihre Häufigkeit wird auf ca. 5% geschätzt. Wichtigster Auslöser bei Kindern ist Fieber.

Die Epilepsie (zerebrales Anfalls- oder Krampfleiden, früher Fallsucht) ist dagegen eine chronische Erkrankung mit wiederholten Krampfanfällen. In Mitteleuropa leiden 0,5–1 % aller Kinder unter einer Epilepsie – damit ist die Epilepsie eine der häufigeren chronischen Erkrankungen im Kindesalter.

Der Epilepsie haftet seit Jahrhunderten ein Stigma an: Da manche Formen der Epilepsie vor allem bei geistig behinderten Kindern vorkommen, wurde die Epilepsie generell als Ausdruck geistiger Behinderung (miss)verstanden. Die meisten Kinder mit Epilepsie sind jedoch geistig völlig normal entwickelt.

Leitbeschwerden

  • Anfallsweise auftretende, unwillkürliche Muskelzuckungen und -krämpfe, die das Kind nicht unterdrücken kann, von kurzen Zuckungen einzelner Körperteile über wiederholte Bewegungen bis zum Steifwerden und Krämpfen des ganzen Körpers
  • Unerklärliches, plötzliches Zusammensinken, Stürze
  • Merkwürdige Wahrnehmungen oder Gefühle, die von außen nicht nachvollziehbar sind und die das Kind meist nicht erklären kann
  • Wiederholte »Abwesenheitsphasen« des Kindes, bei denen es unaufmerksam und »nicht ganz da« scheint, seine bisherige Tätigkeit unterbricht, starr blickt oder die Augen verdreht
  • Plötzlicher Bewusstseinsverlust

Wann zum Arzt

Am nächsten Tag, wenn

  • Ihr Kind immer wieder Aufmerksamkeitspausen hat oder für kurze Augenblicke »weggetreten« scheint.
  • Ihr Kind wiederholt über merkwürdige Empfindungen oder Gefühle berichtet.

Heute noch, wenn

  • Ihr Kind deutliche, nicht unterdrückbare Zuckungen hat, die zwar von selbst wieder aufhören, die Sie sich aber nicht erklären können.

Sofort, wenn

  • Ihr Kind erstmalig einen Grand-mal-Anfall hat. Kennzeichen sind plötzlicher Sturz, Bewusstseinsverlust, Steifwerden, dann Zuckungen am ganzen Körper.
  • Ihr Kind bewusstlos wird oder unerklärbar stürzt.
  • Ihr Kind mit bekannter Epilepsie einen Krampfanfall von über zehn Minuten Dauer oder mehrere rasch aufeinander folgende Anfälle hat.

Das Wichtigste aus der Medizin

Was geschieht beim Krampfanfall?

Unser Gehirn ist ständig aktiv – nicht nur, wenn wir uns bewegen, sondern auch, wenn wir ein Kitzeln auf der Haut spüren oder einen Duft riechen. Diese ununterbrochene Gehirnaktivität beruht auf beständigen elektrischen Entladungen an der Oberfläche der jeweils »angesprochenen« Nervenzellen. Hierdurch fließen winzige Ströme entlang der Nervenbahnen. Normalerweise sind diese Ströme zielgerichtet und lokal begrenzt, d. h. der Strom kann nicht unkoordiniert von Hirngebiet zu Hirngebiet »springen«.

Bei überschießenden Entladungen kommt es zu einer massiven, gleichzeitigen Erregung großer Nervenzellgruppen oder gar des gesamten Gehirns. Dadurch entstehen zerebrale (= vom Gehirn ausgehende) Anfälle, die etwas unglücklich auch als epileptische Anfälle oder Krampfanfälle bezeichnet werden (»epileptisch« bedeutet eigentlich »mit einem Sturz verbunden«, was jedoch oft nicht zutrifft, und auch Muskelkrämpfe fehlen bei vielen Anfallsformen).

Zerebraler Anfall oder Epilepsie?

Meist ist ein Krampfanfall ein einmaliges Ereignis unter besonderen Belastungen – der Mediziner spricht von Gelegenheitskrämpfen. Hauptbelastungsfaktor bei Kindern ist Fieber (die dadurch entstehenden Fieberkrämpfe sind an anderer Stelle besprochen). Gelegenheitskrämpfe können auch bei Gehirn- oder Hirnhautentzündungen, Vergiftungen und Stoffwechselentgleisungen (wie etwa einer Unterzuckerung oder einer Entgleisung der Blutsalze) auftreten.

Hiervon abzugrenzen ist die Epilepsie: Von ihr spricht man, wenn das Kind wiederholt zerebrale Krampfanfälle bekommt, ohne dass bestimmte Belastungsfaktoren dabei eine Rolle spielen.

Woher kommt eine Epilepsie?

Eine Epilepsie kann die Folge einer angeborenen oder erworbenen Hirnschädigung sein und somit bei bestimmten angeborenen Stoffwechselstörungen, Gehirnfehlbildungen, bei Zerebralparese, Gehirntumoren oder nach Gehirnverletzungen vorkommen.

Bei drei von vier Kindern ist aber keinerlei Ursache zu finden. Der Arzt spricht dann von einer idiopathischen Epilepsie; (= genuinen Epilepsie) Letztere kann, muss aber nicht durch eine genetische Veranlagung begünstigt werden.

Epilepsie hat viele Gesichter

Wie sich ein Krampfanfall nach außen hin zeigt, hängt davon ab, wie groß der abnorm erregte Gehirnbezirk ist und welche Funktion er normalerweise hat. Entsprechend vielfältig sind die Erscheinungsformen.

Bei dem örtlich begrenzten oder fokalen Anfall (= Herdanfall, Partialanfall) geht der Krampfanfall von einem umschriebenen Bereich des Gehirns aus. Typisch sind Steifwerden oder Zuckungen bestimmter Körperregionen, Drehbewegungen von Augen, Kopf oder Rumpf sowie Wahrnehmungsstörungen, wie etwa Kribbeln eines Körperteiles, Sehen von Lichtblitzen oder verfremdete Wahrnehmung der Umgebung. Ist das Bewusstsein beeinträchtigt (der Arzt spricht dann von einem komplexen Anfall), so sind stereotype Bewegungen (z. B. Schmatzen, nestelnde Bewegungen) häufig. Meist hört ein fokaler Anfall nach wenigen Minuten von selbst wieder auf, er kann sich aber auch auf den ganzen Körper ausbreiten.

Häufiger: generalisierte Anfälle

Im Gegensatz zum fokalen Anfall sind bei den häufigeren generalisierten Anfällen größere Teile des Gehirns betroffen, so dass die Anfälle zum einen meist symmetrisch sind und das betroffene Kind fast immer bewusstlos wird. Zu dieser Gruppe gehört der mit Muskelzuckungen einhergehende Grand-mal-Anfall (= großer Krampfanfall), der von vielen Laien fälschlicherweise mit der Epilepsie schlechthin gleichgesetzt wird: Das Kind stürzt – möglicherweise mit einem Schrei – zu Boden, wird für 10–20 Sekunden am ganzen Körper steif und bekommt dann für wenige Minuten »schüttelnde« (tonisch-klonische) Muskelkrämpfe am ganzen Körper. Seine Haut kann bläulich sein, möglicherweise beißt es sich auf die Zunge und verliert Urin. Nach dem Anfall schläft das Kind ein und braucht eine Zeit lang, bis es wieder »voll da« ist. An den Anfall selbst kann es sich später nicht erinnern.

Auch die meisten Gelegenheitskrämpfe verlaufen übrigens nach diesem Muster.

»Krampfanfälle« ohne Zuckungen

Viele generalisierte Anfälle verlaufen aber ohne regelmäßige, »schüttelnde« Muskelzuckungen:

  • Absencen beispielsweise sind ganz kurze Bewusstseinsausfälle, die vor allem bei Mädchen im Schulalter auftreten und nicht selten zunächst als Unaufmerksamkeit fehlgedeutet werden (sie wurden wegen ihrer unscheinbaren Äußerungen früher auch als petit mal, d. h. »kleines Übel« bezeichnet).
  • Bei Babys ab drei Monaten kommen als typische Epilepsieform die leider sehr schwer wiegenden BNS-Krämpfe vor, mit plötzlichem Zusammenzucken des Körpers (»Blitz«), Nicken des Kopfes (»Nick«) und Nach-vorne-Führen der Arme (»Salaam«).
  • Bei Schulkindern vor der Pubertät gar nicht so selten ist die gutartige Rolando-Epilepsie, bei der die Kinder nachts durch Gesichtszuckungen und Sprechschwierigkeiten auffallen.

Gefährlich: Status epilepticus

Dauert ein zerebraler Anfall länger als 20 Minuten, so kann der Anfall selbst zu Hirnschäden führen. Ein solcher Status epilepticus muss vom Arzt mit Medikamenten unterbrochen werden.

Nicht jede Zuckung ist ein Anfall!

Muskelzuckungen können aber nicht nur bei zerebralen Anfällen auftreten. Auch die »einfache« Ohnmacht kann mit Muskelzuckungen einhergehen. Diese sind aber überwiegend leicht und kurz, und meist ermöglichen zusätzliche Merkmale, wie etwa das Schwarzwerden vor den Augen, die Unterscheidung.

Ebenfalls nichts mit Epilepsie zu tun haben die bei Kleinkindern häufigen Affektkrämpfe (= Wutkrämpfe, Wegbleiben): Ein aus Zorn, Frustration oder Schreck schreiendes Kleinkind steigert sich immer mehr in seine Erregung hinein, bis es plötzlich eine Atempause bekommt und bewusstlos wird. Die Haut ist meist anfangs blass und später bläulich, leichte Muskelzuckungen sind möglich. Nach wenigen Sekunden kommt das Kind von selbst wieder zu sich (und bekommt dann hoffentlich nicht den Lolli, dessentwegen der ganze Zauber begann).

Bei älteren Kindern sind manchmal die seelisch bedingten psychogenen Anfälle nur schwer von einem zerebralen Anfall abzugrenzen. Auch wenn sie oft nicht bewusst »gespielt« werden, zielen diese doch auf einen Effekt und ereignen sich ganz überwiegend vor Publikum.

Zuckungen beim Einschlafen sind in allen Altersgruppen normal.


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Aktualisiert ( Montag, den 09. Februar 2015 um 14:09 Uhr )