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Fieberkrämpfe

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Mittwoch, den 08. Oktober 2008 um 08:44 Uhr
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Fieberkrämpfe
Das Wichtigste aus der Medizin
So helfen Sie Ihrem Kind
Das macht der Arzt
Vorsorge
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Fieberkrämpfe sind die häufigsten Gelegenheitskrämpfe bei Kindern: Schätzungsweise 4 % aller Kinder erleiden mindestens einmal einen Fieberkrampf, meist im Alter zwischen sechs Monaten und vier Jahren.

Warum manche Kinder Fieberkrämpfe bekommen und andere nicht, ist nicht klar. Ein erhöhtes Risiko haben aber Kinder mit Verwandten (besonders Brüdern und Schwestern), die bereits einen Fieberkrampf hatten. Etwa 25 % der Kinder mit einem Fieberkrampf haben einen erstgradigen Verwandten, der früher auch schon einen Fieberkrampf hatte.

Auch Kinder mit Entwicklungsstörungen sowie Kinder, die als Neugeborene längere Zeit krank waren (etwa wegen einer zu frühen Geburt), haben häufiger Fieberkrämpfe.

Fieberkrämpfe treten meist bei Fieber über 38,9 °C auf, können aber auch schon bei erhöhter Temperatur vorkommen. Entscheidender als die Höhe des Fiebers scheint die Geschwindigkeit des Fieberanstiegs zu sein. Dies erklärt, warum Kinder einen Fieberkrampf haben können, noch bevor die Eltern überhaupt merken, dass ihr Kind krank ist. Besonders häufig kommen Fieberkrämpfe beim Dreitagefieber vor.

Leitbeschwerden

  • Anfall oft während des ersten Fieberanstiegs bei einem Infekt, oft noch bevor das Kind sichtlich krank ist
  • Meist Grand-mal-Anfall mit Steifwerden, Muskelkrämpfen am ganzen Körper und Bewusstseinsverlust. Prinzipiell sind jedoch alle Anfallsformen möglich
  • Nach wenigen Minuten hört der Krampf meist von selbst auf. Das Kind ist danach noch schläfrig, nach 15–30 Minuten reagiert es aber normalerweise wieder wie gewohnt

Wann zum Arzt

Sofort, wenn

  • Ihr Kind erstmalig einen Fieberkrampf hat.
  • Etwas »anders ist« als bei vorangegangenen Fieberkrämpfen, insbesondere wenn das Kind starke Kopfschmerzen hat, den Kopf nicht nach vorne beugen kann oder lichtscheu ist (Hinweise auf eine Hirnhautentzündung).
  • Der Fieberkrampf länger als 15 Minuten dauert oder sich innerhalb derselben fieberhaften Erkrankung wiederholt.

In aller Regel ist in diesen Fällen das nächstgelegene Kinderkrankenhaus die richtige Adresse. Am sichersten ist der Transport durch den Notarzt.


Das Wichtigste aus der Medizin

Fieberkrämpfe bei Kleinkind
Neigt ein Kleinkind zu Fieberkrämpfen (wie dieses danach ins Krankenhaus aufgenommene Mädchen), sind Eltern naturgemäß besorgt. Die Aussichten sind jedoch sehr gut: Fast immer hören die Krämpfe bis zum Schulalter von selbst auf, und Schäden verbleiben nur in seltenen Ausnahmefällen.
[ASL]

Alle Funktionen des Gehirns sind an das Fließen elektrischer Ströme gekoppelt. Es wird angenommen, dass bei Fieber die »Isolierung« der Nervenzellen weniger gut funktioniert und es so leichter zur Erregungen ganzer Hirnregionen kommt – dies aber bringt die Gefahr einer unkoordinierten Entladung und damit eines zerebralen Anfalls mit sich. Betroffen sind aus unklaren Gründen meist Kleinkinder.

Der Krampfanfall selber ist in aller Regel harmlos und hinterlässt keinerlei Schäden. Nur wenn ein Fieberkrampf länger als 20 Minuten anhält, können dadurch Gehirnstörungen verbleiben.

Einfach oder kompliziert?

Der typische (»einfache«) Fieberkrampf betrifft Kinder ab dem sechsten Monat bis zum sechsten Lebensjahr, passiert während der fieberhaften Erkrankung nur einmal, dauert 2–10 Minuten und verläuft als »symmetrischer« Grand-mal-Anfall des ganzen Körpers.

25 % der Fieberkrämpfe verlaufen jedoch außergewöhnlich, d. h. sie:

  • Betreffen Kinder unter sechs Monaten oder nach dem fünften Geburtstag
  • Dauern länger als 15 Minuten
  • Wiederholen sich innerhalb von 24 Stunden ein- oder mehrmals oder
  • Beginnen einseitig oder betreffen nur ein bestimmtes Körperteil (die abnormen Bewegungen können z. B. nur in Schmatzen oder Augenblinzeln bestehen)

Da dieser Art von Fieberkrämpfen häufiger (aber keineswegs immer) eine organische Ursache zugrunde liegt und auch das Risiko einer späteren Epilepsie erhöht ist, werden solche Verläufe auch als »komplizierte« Fieberkrämpfe bezeichnet.


So helfen Sie Ihrem Kind

Die Erste-Hilfe-Maßnahmen bei einem Fieberkrampf entsprechen denen bei einem Grand-mal-Anfall anderer Ursache.

Naturheilkundliche Verfahren sind im Anfall ohne Erfolg.


Das macht der Arzt

Meningitis-Test bei kleinem Jungen
Um eine Meningitis (Hirnhautentzündung) auszuschließen, legt man die Hände unter den Kopf des liegenden Kleinkindes und versucht ihn anzuheben. Gelingt dies ohne Schmerzreaktion, ist eine Meningitis unwahrscheinlich.
[ADM]

Das wichtigste Ziel des Arztes ist es, eine Gehirn- oder Hirnhautentzündung auszuschließen, da sich diese ebenfalls durch Krampfanfälle zeigen können und mit Fieber einhergehen. Das Risiko, dass sich ein vermeintlicher Fieberkrampf als eine Gehirn- oder Hirnhautentzündung herausstellt, liegt aber unter 1 %.

In Zweifelsfällen, vor allem wenn das Kind unter 18 Monate alt ist, wenn es sich um einen komplizierten Fieberkrampf handelt oder wenn das Kind bereits mit Antibiotika vorbehandelt ist, wird der Arzt zu einer Lumbalpunktion raten, denn nur so lässt sich eine Hirnhautentzündung sicher ausschließen.

Ein Computer- oder Kernspintomogramm ist dagegen nur in Ausnahmefällen nötig, etwa wenn ein Kind nach dem Anfall längere Zeit nicht zu sich kommt.

Natürlich untersucht der Arzt das Kind auch gründlich – nicht zuletzt um die Ursache des Fiebers zu finden. Hierzu muss manchmal auch der Urin untersucht werden oder die Lunge geröntgt werden.

Meist wird ungefähr zwei Wochen später auch ein EEG (= Elektroenzephalogramm, Aufzeichnung der Hirnströme) abgeleitet, das nach Fieberkrämpfen typischerweise normal ist. Nur bei fokalen Anfällen wird das EEG schon im Krankenhaus gemacht.

Eine medikamentöse Unterdrückung des Anfalles ist meist nicht erforderlich, in aller Regel ist er bei Eintreffen des Arztes sowieso schon vorbei.


Vorsorge

Nach dem ersten Fieberkrampf liegt das Risiko eines abermaligen Fieberkrampfs bei gut 30 % (wenn er passiert, dann meist innerhalb eines Jahres). Von den Kindern mit einem zweiten Fieberkrampf haben dann etwa die Hälfte auch noch einen dritten.

Die Frage, wie weiteren Fieberkrämpfen am besten vorzubeugen ist, ist umstritten. Auf jeden Fall sollte man schon beim geringsten Verdacht, dass das Kind etwas »ausbrütet«, Fieber messen und bereits Temperaturen über 38,5 °C durch Wadenwickel senken. Die Fiebersenkung mit Medikamenten wird von den meisten Medizinern befürwortet. Ihr Wert zur Vorbeugung eines Anfalls macht von der Logik her Sinn, ist aber nicht erwiesen.

Die vorbeugende Gabe von krampfunterdrückenden Medikamenten während eines Infekts für ein paar Tage ist nur bei hohem Wiederholungsrisiko sinnvoll. Empfehlenswert ist es aber, ein solches Medikament als Mikroklistier zur rektalen Gabe im Haus zu haben (z. B. Diazepam Desitin® rectal tube, rezeptpflichtig), um einen erneuten Fieberkrampf selbst behandeln zu können.

Wie hoch ist das Epilepsierisiko?

Fast alle Kinder mit Fieberkrämpfen entwickeln sich absolut normal. Das statistische Risiko, später mit einer Epilepsie diagnostiziert zu werden, steigt nach einem Fieberkrampf jedoch leicht an, und zwar von 0,5 % für gesunde Kinder ohne Fieberkrämpfe auf 1 %. Es gibt jedoch keinen Anhaltspunkt dafür, dass der Fieberkrampf selbst die Ursache hierfür ist.

Höher (und doch nur bei etwa 2 %) ist das Epilepsierisiko bei Kindern mit zusätzlichen Risikofaktoren, etwa Vorschäden des Gehirns, nahen Verwandten mit Epilepsie, EEG-Veränderungen oder komplizierten Fieberkrämpfen.

Die Behandlung eines Kindes nach einem Fieberkrampf mit antiepileptischen Medikamenten verhindert eine Epilepsie nicht.

Aktualisiert ( Mittwoch, den 08. April 2009 um 10:21 Uhr )