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Nesselsucht (Urtikaria, Quaddelsucht)

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 12:57 Uhr
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Nesselsucht (Urtikaria, Quaddelsucht)
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
Selbsthilfe und Naturheilkunde
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Die Nesselsucht (= Urtikaria, Quaddelsucht) trägt ihren Namen nicht umsonst: Ihr Erscheinungsbild entspricht nämlich weitgehend den Hautveränderungen, die jeder von einem unbeabsichtigten Brennnesselkontakt her kennt.

Die Nesselsucht bleibt meist auf die Haut beschränkt und ist dann unangenehm, aber letztendlich harmlos. Gelegentlich kommt es jedoch zu Atem- und Kreislaufproblemen, die das Kind gefährden können. Bei zusätzlichem Fieber spricht man von Nesselfieber.

Gerade im Kindesalter ist die Nesselsucht verhältnismäßig häufig, Schätzungen gehen davon aus, dass jedes vierte bis fünfte Kind mindestens einmal in seiner Kindheit eine Nesselsucht hat.

Insbesondere bei jüngeren Kindern bleibt die Nesselsucht meist ein Einzelereignis (= akute Nesselsucht). Die chronische Nesselsucht mit einer Dauer von über sechs Monaten tritt eher bei älteren Kindern auf. Mädchen erkranken aus noch unbekanntem Grunde häufiger als Jungen.

Leitbeschwerden

  • Meist schubweises Aufschießen stark juckender Hautquaddeln. Diese können sehr unterschiedlich groß sein, und es sind nur wenige, aber auch ganz viele möglich. Die einzelnen Quaddeln verschwinden nach Minuten bis Stunden wieder, sie können dann aber wieder erneut aufschießen
  • Möglicherweise Allgemeinbeschwerden: Fieber, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Atmungs- und Kreislaufprobleme

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen, wenn

  • Immer wieder Hautquaddeln auftreten.

Heute noch, wenn

  • Ihr Kind zusätzlich Fieber hat.
  • Der Juckreiz nicht zu stillen ist.
  • Die Nesselsucht nach der Einnahme von Medikamenten auftritt – der Arzt kann dann ein Ersatzpräparat empfehlen.

Sofort, wenn

  • Ihr Kind zusätzlich erbricht, es Atemprobleme oder Kreislaufstörungen bekommt (siehe auch allergischer Schock).

Das Wichtigste aus der Medizin

Wie kommt es zu den Beschwerden bei Nesselsucht?

Die Erscheinungen bei der Nesselsucht werden fast immer durch die (örtlich begrenzte) Freisetzung von Histamin verursacht, einem Botenstoff, der vor allem in bestimmten Blut- und Abwehrzellen vorkommt und auch bei Allergien eine entscheidende Rolle spielt (siehe Rolle des Histamins bei allergischen Reaktionen). Das Histamin führt dabei sowohl zu den Quaddeln als auch zum Juckreiz.

Welche Faktoren können eine Nesselsucht auslösen?

Die Histaminfreisetzung ist die gemeinsame Endstrecke unzähliger Auslöser. Oft lässt sich der »Schuldige« trotz gründlicher Suche nicht feststellen.

Bei Kindern sind die häufigsten Auslöser Infektionen, vor allem die ganz normalen »Erkältungen«. Selten spielen Leberentzündungen oder Wurmerkrankungen eine Rolle.

Nahrungs- und Arzneimittel konkurrieren um die Plätze zwei und drei der Rangliste. Diese können die Nesselsucht entweder auf allergischem Wege bedingen oder das Histamin in der Haut direkt freisetzen. Auf welchem Wege auch immer – besonders verdächtige Nahrungsmittel sind Erdbeeren, Gewürze und Fisch, bei Medikamenten sind häufig die Penicilline verantwortlich (Genaueres siehe Nahrungsmittelallergien).

Manche tierischen und pflanzlichen Stoffe lösen bei direktem Kontakt Quaddeln aus – das Kind spielt beispielsweise den Nachmittag über im Gebüsch und hat abends juckende Quaddeln auf den Hautbezirken, die nicht von Kleidung bedeckt waren. Auch nach Quallen- und Raupenkontakt ist eine Nesselsucht nicht selten.

Im Gegensatz zu Erwachsenen sind physikalische Faktoren wie Druck, Wärme oder Kälte im Kindesalter nur selten Ursache der Nesselsucht.

Oft genug kann jedoch, vor allem bei der chronischen Nesselsucht, gar kein Auslöser dingfest gemacht werden. Der Mediziner umschreibt dies mit dem wohlklingenden Fremdwort idiopathisch (= ursächlich ungeklärt). Auch fehlendes Wissen hört sich manchmal gut an.

Gefährliche Extrem- und Sonderformen

Angioödem bei kleinem Mädchen
Eine seltene Allergieform: das Angioödem – hier im Gesicht eines einjährigen Mädchens.
[RKL]

Bleiben die Erscheinungen auf die Haut beschränkt, so sind sie zwar aufgrund des Juckreizes lästig oder sogar quälend, aber nicht bedrohlich. Anders sieht es aus, wenn es zu Schwellungen im Bereich der Atemwege oder zu Allgemeinbeschwerden kommt, die am Anfang oft harmlos aussehen, sich aber binnen kurzer Zeit massiv steigern können.

Besonders häufig ist dies beim Angioödem (= Quincke-Ödem) der Fall. Es wird durch die gleichen Faktoren ausgelöst wie die Nesselsucht, es sind aber nicht die oberen Hautschichten, sondern die Unterhaut angeschwollen. Einige (sehr seltene) Formen des Angioödems sind erblich und beruhen auf einem Defekt in der Immunabwehr. Bei diesen Formen fehlt typischerweise der Juckreiz. Sie werden durch spezielle, nur an wenigen Kliniken verfügbare Medikamente behandelt.

Warnhinweis:

Rufen Sie bei den geringsten Anzeichen von Atem- oder Kreislaufproblemen sofort den Notarzt – die Beschwerden können sich innerhalb kürzester Zeit bis hin zum anaphylaktischen Schock steigern (Erste Hilfe).


Das macht der Arzt

Die Diagnose einer Nesselsucht kann der Arzt allein aufgrund der Untersuchung stellen. Bei erstmaligem Auftreten einer Nesselsucht wird er versuchen, die Auslöser zu erfragen und nach Anzeichen eines Infektes suchen. Mehr ist nicht erforderlich, denn in über 95 % bleibt die Nesselsucht ein einmaliges Ereignis.

Bleiben die Quaddeln jedoch oder kommen sie immer wieder, stehen weitergehende Untersuchungen an, wie etwa Allergietests sowie Stuhl-, Blut- und Urinuntersuchungen, durch die Infektionen und auch bestimmte rheumatische Erkrankungen erkannt werden können, die manchmal mit einer chronischen Nesselsucht in Verbindung stehen.

Leichte Formen der Nesselsucht verschwinden ohne jedes Zutun von selbst. Bei starkem Juckreiz verschreibt der Arzt Antihistaminika, wie etwa Loratadin (Lisino®), sowie juckreizstillende Präparate zum Auftragen auf die Haut, z. B. Lotio alba oder Tannosynth®.

Bei Atem- oder Kreislaufproblemen werden mit Kortison und bei Bedarf Adrenalin die gleichen Medikamente eingesetzt wie beim anaphylaktischen Schock.


Selbsthilfe und Naturheilkunde

Die Maßnahmen der Selbsthilfe und Naturheilkunde entsprechen denen gegen den Juckreiz z. B. bei Windpocken bzw. denjenigen bei Allergien.

Am wichtigsten ist es jedoch die Spurensuche. Fragen Sie sich, ob vor dem Auftreten der Quaddeln irgendetwas anders war als sonst. Um den Auslösern auf die Schliche zu kommen, kann auch das Führen eines Beschwerdetagebuches (siehe auch Allergiediagnostik) hilfreich sein.

Aber seien Sie unbesorgt, wenn Sie nichts finden – häufig reagiert der Körper dann z. B. auf eine »banale Infektion«, die nach außen gar nicht in Erscheinung tritt. Praktisch alle Kinder haben einmal einen Ausschlag mit Hautquaddeln, und solange die Kinder (außer durch Juckreiz) nicht beeinträchtigt sind, ist weitere Sorge überflüssig.

Aktualisiert ( Donnerstag, den 19. November 2009 um 09:50 Uhr )