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Rheumatische Erkrankungen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 12:41 Uhr
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Rheumatische Erkrankungen
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
Möglichkeiten der Naturheilkunde
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Häufigkeit: Häufigkeit 2 von 5: Eher selten

Der Begriff der rheumatischen Erkrankungen ist bis heute nicht einheitlich definiert. Die meisten Ärzte verstehen darunter entzündliche Gelenk-, Gefäß- und Bindegewebserkrankungen, die nicht durch infektiöse Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren verursacht werden. Bei vielen dieser Erkrankungen sind nach heutigem Kenntnisstand (Auto-)Immunprozesse ursächlich beteiligt.

Die häufigste rheumatische Erkrankung bei Kindern ist die juvenile (= jugendliche) rheumatoide Arthritis (= juvenile chronische Arthritis, juvenile idiopathische Arthritis, Arthritis = Gelenkentzündung). Sie kann in jedem Alter auftreten, Mädchen erkranken häufiger als Jungen.

Leitbeschwerden

  • Gelenkschmerzen, -schwellung und -steife über mindestens sechs Wochen, besonders häufig an Knie-, Fuß-, Ellenbogen- und Handgelenken
  • Stärkste Ausprägung der Beschwerden häufig am Morgen
  • Beginn der Beschwerden sowohl langsam als auch plötzlich
  • Möglicherweise Fieber
  • Möglicherweise Hautausschläge
  • Möglicherweise Lymphknotenschwellung
  • Möglicherweise Sehverschlechterung

Die Leitbeschwerden weiterer rheumatischer Erkrankungen finden Sie in dieser Tabelle.

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen, wenn

  • Ihr Kind immer wieder über schmerzende oder steife Gelenke klagt, sich aber ansonsten wohl fühlt.

Heute noch, wenn

  • Ihr Kind Gelenkschmerzen und dazu Allgemeinbeschwerden, Fieber oder Ausschlag hat oder über schlechtes Sehen oder Lichtscheu klagt.

Das Wichtigste aus der Medizin

Am häufigsten: juvenile rheumatoide Arthritis

Häufigste rheumatische Erkrankung bei Kindern ist die juvenile rheumatoide Arthritis.

Ihre Ursache ist bis heute unklar. Vermutet wird, dass Umweltfaktoren, beispielsweise Bakterien- oder Virusinfekte, auf dem Boden einer erblichen Veranlagung zu einer fehlgeleiteten Immunreaktion führen – das Immunsystem bekämpft nun die eigenen Gelenkstrukturen, manchmal auch Strukturen innerer Organe. Die Gelenkinnenhaut (= Synovialis, innere Schicht der Gelenkkapsel) verdickt sich, und das entzündete Gewebe schädigt den Gelenkknorpel.

Die Beschwerden der juvenilen rheumatoiden Arthritis sind sehr unterschiedlich und teilweise ganz anders als bei Erwachsenen. Drei große Gruppen werden bei Kindern unterschieden:

  • Am häufigsten ist die Beteiligung nur eines oder weniger großer Gelenke (Mono- bzw. Oligoarthritis). Am häufigsten betroffen sind Fuß-, Knie-, Hand- und Ellenbogengelenke. Der Befall hält sich nicht an Körperseiten (es kann also das rechte Knie- und das linke Fußgelenk betroffen sein). Oft sind auch die Augen beteiligt, dies wird aber vom Kind meist nicht bemerkt.
  • Auch der oft schleichend beginnende Befall vieler Gelenke (= Polyarthritis) ist möglich. Typischerweise sind bei dieser Verlaufsform rechts und links die gleichen Gelenke betroffen.
  • Die dritte, akute (= rasch entstehende) Verlaufsform heißt Morbus Still. Hier sind auch die inneren Organe betroffen. Das Kind (meist im Kleinkindalter) bekommt hohes Fieber, Hautausschlag, möglicherweise Bauchschmerzen und vergrößerte Lymphknoten. Herz-, Lungen- und Leberentzündungen sind möglich. Die Gelenkbeschwerden sind dagegen anfangs oft nur flüchtig und entwickeln sich erst später.

Weitere rheumatische Erkrankungen

Andere rheumatische Erkrankungen zeichnen sich durch Entzündungsprozesse an den Blutgefäßen aus. Sie heißen Vaskulitiden. Im Kindesalter treten vor allem zwei Formen auf, die Purpura Schönlein-Henoch (siehe auch Haupteintrag Purpura Schönlein-Henoch) und das Kawasaki-Syndrom, an dem in Deutschland pro Jahr mehr als 300 Kinder erkranken. Letzteres zeichnet sich vor allem durch anhaltendes, hohes Fieber aus und wird deshalb zunächst oft mit einer schweren Infektionskrankheit verwechselt.

Im Kindesalter selten sind die Kollagenosen, bei denen das Bindegewebe entzündet ist.

Da Blutgefäße und Bindegewebe überall im Körper vorkommen, können diese Erkrankungen zu vielfältigen Beschwerden führen – wann Sie aufmerksam werden sollten, zeigt die folgende Tabelle. Gelenkbeschwerden sind bei diesen Erkrankungen zwar möglich, führen aber nicht zu bleibenden Gelenkschäden. Zur Diagnosesicherung sind teils sehr komplizierte Blutuntersuchungen erforderlich.

Erkrankung

Kurzcharakterisierung

Behandlung

Vaskulitiden = Erkrankungen mit vornehmlicher Entzündung der Blutgefäße

Purpura Schönlein-Henoch

Ursache: immunologische Reaktion auf eine Infektionskrankheit (meist »Erkältung«)

Hauptsächlich betroffen: Kinder von 2–8 Jahren

Leitbeschwerden: Ausschlag, stecknadelkopfgroße Hautblutungen, Bauchschmerzen, möglicherweise blutiger Urin, Gelenkschmerzen (v.a. der Sprunggelenke), Allgemeinbeschwerden (Fieber)

In milden Fällen gar keine Behandlung, sondern nur regelmäßige ärztliche Kontrollen. In ausgeprägten Fällen Kortisongabe

Kawasaki-Syndrom

Ursache: unklar, möglicherweise durch ein – bisher unbekanntes – Virus ausgelöst

Hauptsächlich betroffen: Klein- und Kindergartenkinder (selten auch Säuglinge)

Leitbeschwerden: hohes, über fünf Tage anhaltendes Fieber, Augenbindehautentzündung, hochrote, rissige Lippen, rote Zunge (»Himbeerzunge«), Lymphknotenschwellung vor allem am Hals, Rötung und möglicherweise auch (harte) Schwellung der Handflächen und Fußsohlen (diese können nach 2–3 Wochen »abschuppen«), masernähnlicher Ausschlag vor allem am Rumpf

Gefürchtet ist eine Beteiligung des Herzens und der Herzkranzgefäße

Einweisung ins Krankenhaus, dort Gabe von Acetylsalicylsäure und Immunglobulinen. Unter dieser Behandlung deutlich bessere Aussichten als früher, vor allem auch bei Herzbeteiligung. Trotzdem ist das Kawasaki-Syndrom die häufigste erworbene Herzerkrankung bei Kindern!

Kollagenosen = Erkrankungen mit vornehmlicher Entzündung des Bindegewebes

Systemischer Lupus erythematodes

Ursache: Autoimmunprozess

Hauptsächlich betroffen: ältere Kinder, Mädchen häufiger als Jungen

Leitbeschwerden: Fieber, Gelenkschmerzen, schmetterlingsförmige Rötung des Gesichts (Wangen und Nasenwurzel gerötet, übrige Nasenregion nicht)

Wegen der Gefahr der Beteiligung innerer Organe Unterdrückung des zugrunde liegenden Autoimmunprozesses v.a. durch Gabe von Kortison oder anderer das Immunsystem unterdrückender Medikamente (Immunsuppressiva)

Dermatomyositis

Ursache: Autoimmunprozess

Hauptsächlich betroffen: ältere Kinder (Gipfel um das 10. Lebensjahr), Mädchen häufiger als Jungen

Leitbeschwerden: lilafarbene Hautschwellung um die Augen, an den Wangen und am Oberkörper, Muskelschmerzen und -schwäche v.a. an Oberarmen und Oberschenkeln

Überblick über die neben der juvenilen rheumatoiden Arthritis häufigen rheumatischen Erkrankungen bei Kindern.

Das macht der Arzt

Die Diagnose einer rheumatischen Erkrankung bei Kindern ist oft schwierig – sie sind manchmal wahre »Chamäleons«: Ihre Erscheinungen überlappen sich dementsprechend mit einer ganzen Reihe weiterer Erkrankungen, von den flüchtigen Gelenkmitreaktionen bei Virusinfekten (»Gelenkschnupfen«) über die seltenen bakteriellen Gelenk- und Knochenentzündungen, die Borreliose, eine Gelenkbeteiligung bei den chronischen Darmentzündungen (siehe Colitis ulcerosa und Morbus Crohn) oder der Schuppenflechte bis hin zum Rheumatischen Fieber.

Entsprechend groß ist das Spektrum der möglicherweise erforderlichen Untersuchungen, immer jedoch sind Blutuntersuchungen mit dabei. Der aus der Erwachsenenmedizin bekannte sog. Rheumafaktor ist dabei nur wenig hilfreich, nicht selten können aber andere Antikörper (= Abwehrstoffe) gegen körpereigene Strukturen nachgewiesen werden (= Autoantikörper). Wegen der möglichen Augenbeteiligung sollte ein Kind mit Verdacht auf eine rheumatische Erkrankung immer auch dem Augenarzt vorgestellt werden.

Die Behandlung wird meist von speziellen kinderrheumatologischen Zentren koordiniert. Sie fußt auf mehreren Säulen:

  • Nichtsteroidale Antirheumatika, wie etwa Indometacin (z. B. Amuno®), Ibuprofen (z. B. Anco®) oder Diclofenac (z. B. Voltaren®) hemmen schnell die Entzündung und lindern die Schmerzen, greifen aber nicht in den eigentlichen Krankheitsprozess ein. Leider sind sie manchmal schlecht magenverträglich bis hin zu Magenblutungen (schwarzer Stuhl!). Eine neuere Präparategruppe, die sog. COX-2-Hemmer, ist besser magenverträglich, es liegen aber noch keine Langzeiterfahrungen vor.
  • Sind diese Medikamente nicht ausreichend wirksam, wird heute als Nächstes meist Methotrexat gegeben, ein immunsuppressiv wirkendes Zytostatikum, das jedoch bei den in der Rheumabehandlung recht niedrigen Dosierungen meist gut vertragen wird. Kortison wird nur bei schweren Verläufen eingesetzt, etwa dem Morbus Still.
  • Insbesondere bei einem Befall nur eines oder weniger Gelenke kann Kortison in das betroffene Gelenk gespritzt werden.
  • Manchmal können Operationen an den Gelenken erforderlich sein.
  • Die ärztliche Behandlung wird immer begleitet von Krankengymnastik, Wärme- oder Kälteanwendungen und bei Bedarf Hilfsmitteln, etwa Schienen zur Verhütung von Fehlstellungen.

So helfen Sie Ihrem Kind

Bewegung ist auch für Kinder mit Rheuma wichtig
Für rheumatisch erkrankte Kinder im Akutstadium meist eine Utopie, aber außerhalb davon genau so wichtig wie für gesunde Kinder: bewegen, bewegen, bewegen. Und gerade bei Kindern, die phasenweise bewegungseingeschränkt sind oder gar Bettruhe einhalten müssen, ist es umso wichtiger, dass die Knochen in den übrigen Zeiten belastet und gefordert werden – sonst drohen Einschränkungen im Wachstum und im späteren Erwachsenenleben ein früher Knochenschwund.
[ISP]

Durch die Bewegungseinschränkung ist ein rheumakrankes Kind in seinem Alltag erheblich beeinträchtigt, körperliche Bewegung spielt für Kinder aber noch eine weit größere Rolle als bei Erwachsenen. Fragen Sie den behandelnden Arzt unbedingt, welche Sportarten Ihr Kind ausüben darf und welche nicht (Springen oder Hüpfen etwa belastet die Gelenke sehr und ist deshalb nicht gut). Möglicherweise sind Anpassungen/Spezialanfertigungen beispielsweise für Dreirad oder Roller sinnvoll, damit Ihr Kind an möglichst vielen Freizeitbetätigungen Gleichaltriger teilnehmen kann.

Immer wieder diskutiert wird auch die Frage, ob es eine Ernährungsform gibt, die Rheuma bessern kann. Fasten hat zwar – wie bei allen Autoimmunerkrankungen meist einen positiven Effekt, dieser ist aber nicht von Dauer. Außerdem verbietet sich länger dauerndes Fasten bei Kindern von selbst.

Einen Versuch wert scheint am ehesten die vegetarische Ernährung. Sie enthält wenig Arachidonsäure, aus welcher der Körper entzündliche Botenstoffe herstellt. In die gleiche Richtung zielt die vermehrte Zufuhr ungesättigter Omega-3-Fettsäuren, die ebenfalls die Produktion von Entzündungsstoffen hemmen und so die Beschwerden lindern sollen. Solche Fettsäuren sind reichlich in Fisch und bestimmten Ölsorten wie Weizenkeim-, Walnuss-, Raps- und Sojaöl enthalten. Die Ernährungsumstellung braucht aber Wochen bis Monate, bis Effekte sichtbar werden.

Wie bei anderen Erkrankungen lautet die Devise auch beim kindlichen Rheuma, Wissen und Erfahrungsaustausch zu suchen.


Möglichkeiten der Naturheilkunde

Verfahren der Naturheilkunde haben bei rheumatischen Erkrankungen lediglich eine ergänzende Wirkung. Methoden, die eine »Heilung« versprechen, sind deshalb kritisch zu sehen.

Zur Durchblutungsförderung werden vornehmlich Wärme-, Kälte- und Elektrotherapien eingesetzt.

Zur Schmerzlinderung werden zudem Heilpflanzen verwendet. Empfehlenswert sind beispielsweise ein warmes Bad mit Heublumenzusatz oder ein Heublumensack, falls das Kind Wärme als angenehm empfindet.

Homöopathie und Akupunktur können vereinzelt hilfreich sein, ob sie jedoch nachhaltige Effekte haben, ist umstritten.

Aktualisiert ( Donnerstag, den 19. November 2009 um 09:43 Uhr )