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Entwicklungsstörungen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 09. Juni 2009 um 09:49 Uhr
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Entwicklungsstörungen
Ist mein Kind normal?
Beispiel Sprachentwicklung
Kann Entwicklung trainiert werden?
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Vom Verwöhnen

Verwöhnen ist ein Dauerbrenner. Generationen von Eltern, Schwiegereltern, Onkel, Tanten und Diplom-Pädagogen graben dieses Thema aus, wenn Kinder nicht so sind, wie sie angeblich sein sollen – wenn sie nicht schlafen, nicht richtig essen oder in der Schule die falschen Antworten ankreuzen.

Tatsächlich fragen sich die meisten Eltern irgendwann einmal: Wickelt mein Kind mich nicht ein? Kriegt es nicht mehr, als es haben sollte – bin ich dabei, mein Kind zu verwöhnen?

Wir sind davon überzeugt: Man kann Kinder verwöhnen. Allerdings nicht dadurch, dass man ihnen ihre Bedürfnisse entwicklungsgerecht erfüllt. Wer meint, er »verwöhne« ein Baby, indem er es tröstet, wenn es schreit, oder ihm generell die Zuwendung gibt, die Säuglinge nun einmal von ihren Erwachsenen brauchen, der sitzt einem Missverständnis auf. Entwicklungsgerecht erfüllte Bedürfnisse machen ein Kind nicht gierig nach immer mehr, sondern sie machen es zufrieden und zuversichtlich. Sie geben ihm Kraft. Sie sind das Sprungbrett für Selbstständigkeit.

Was wir häufig beobachten, ist dagegen Folgendes: Da werden die Bedürfnisse nicht in ihrem Entwicklungszusammenhang gesehen, da wird einem Säugling sein Wunsch nach inniger, sicherer Bindung versagt und er stattdessen über Gebühr mit süßem Tee ruhig gestellt. Oder das Kleinkind wird von allen Grenzen und Pflichten entlastet und so eigentlich sein Bedürfnis nach Selbstständigkeit ignoriert. Und das derart enttäuschte Kind fordert nun immer stärker, immer ungezielter, immer Ausgefalleneres, es fordert die Erfüllung von Ersatzbedürfnissen.

Dies ist das gierige, »verwöhnte«, nach rückwärts gewandte Kind, das keine Grenzen kennt, denn es ist innerlich nicht gefestigt und nicht zu seiner Zeit »satt« geworden. Es hat Wurzeln ohne Flügel oder Flügel ohne Wurzeln – und darüber ist es zu Recht frustriert, zornig und verzweifelt.


Ist mein Kind normal?

Es ist eine der bedrückendsten Sorgen der Eltern, ihr Kind sei »nicht normal«. Die Schwierigkeiten fangen schon bei der Frage an: Was ist normal?
Kinderärzte haben deshalb schon früh be­gon­nen, die Entwicklung des Kindes ge­nau zu beobachten, zu vermessen und zu beschreiben. Dabei stießen sie auf eine ungeheure Vielfalt: Manche Kinder sind motorisch begabt, lernen früh laufen, aber spät sprechen, andere umgekehrt. Manche haben ihr Talent im stillen Betrachten, andere müssen an allem rütteln und zupfen, was ihnen in den Weg kommt. Vergleicht man Kinder miteinander, so zeigt sich vor allem, wie unterschiedlich schnell sie sich auf den verschiedenen Ebenen der Entwicklung entfalten.

Neben der Persönlichkeit wird das Ent­wick­lungs­tempo auch vom Geschlecht bestimmt. Mädchen lernen früher laufen, entwickeln sich sprachlich schneller und sind früher sauber als Jungs.
Am ehesten sind Kinder noch vergleichbar im Wachstum und in der motorischen Entwicklung, also im Erlernen der Bewegungs­ab­läufe. Dies erklärt sich dadurch, dass dieser Teil der Entwicklung stärker genetisch bedingt (anlagebedingt) ist als etwa die soziale Entwicklung, die mehr von der Um­welt des Kindes abhängt. Aber selbst beim Wachstum und bei der motorischen Ent­faltung zeigt sich eine große Bandbreite: 15 % der normal entwickelten Kinder etwa lernen gehen, ohne zuvor auf allen vieren zu krabbeln.

Auch wenn man das individuelle Entwick­lungs­tempo betrachtet, verläuft die Entwicklung nicht wie eine Schweizer Markenuhr. Da scheint die Zeit mal schneller zu laufen, mal langsamer, einmal tun die Kinder einen Entwicklungssprung und legen dann wieder eine kreative Pause ein, in der es den Eltern scheint, dass sich »gar nichts tut«.

Was heißt: normal?

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Eine wichtige Triebfeder, schon für ganz kleine Kinder: das Bedürfnis nach Selbstständigkeit. Kinder wachsen nicht nur durch Behütetsein, sondern auch dadurch, dass wir ihnen eigene Schritte zutrauen und sie selber tun dürfen, was sie selber tun können.
[NMR]

Die Mediziner betrachten ein Kind als »normal«, wenn es einen bestimmten Entwick­lungs­schritt mindestens zur gleichen Zeit macht wie die überwältigende Mehrheit, nämlich 90 %, der Kinder. Dass gerade 90 % gewählt wurden, ist übrigens reine Willkür. Aus diesen 90 %-Werten wurden dann die sog. Meilensteine der Entwicklung abgeleitet: »Normale« Kinder können spätestens mit drei Monaten in Bauchlage den Kopf von der Unterlage abheben (das wäre also für ein Kind ein solcher »Meilenstein«), mit neun Monaten ohne Unterstützung sitzen, mit 18 Monaten selbstständig laufen. Ein Kind, das erst mit 19 Monaten laufen lernt, ist nach diesen Kriterien also »nicht normal«. Seine Entwicklung fällt aus dem statistischen Rahmen – das Kind wird deshalb auch als (im motorischen Bereich) entwicklungsverzögert bezeichnet.
Das heißt aber nicht, dass es deshalb als Erwachsener krank oder behindert sein wird! Ein entwicklungsverzögertes Kind holt in der Mehrzahl der Fälle wieder auf und wächst damit von selbst »in die Normalität hinein«. Weil aber ein entwicklungsverzögertes Kind eine Ausnahme ist, sollte es dem Kinderarzt vorgestellt werden, um sicher zu gehen, dass hinter der relativ langsamen Entwicklung nicht eine Krankheit oder bleibende Behinderung steckt (mehr zum Thema Entwicklungsverzögerung).

Meilenstein-Terror

Wie oft hören Sie von anderen Eltern: Mein Kind kann schon das, und meines jenes – »Meine Claudia spricht mit ihren 18 Mona­­ten doch glatt schon die ersten Drei-Wort-Sätze«. Und damit beginnt der Meilenstein-Terror. Denn im Vergleich zu der kleinen Quasselstrippe der Nachbarin steht Ihr Max auf einmal da wie ein vernachlässigtes Findelkind.
Was hier vielleicht amüsant klingt, deutet auf eine beklagenswerte Tatsache hin: Die »Meilensteine« der Entwicklung werden von den Eltern oft wie die ersten Schulzeugnisse betrachtet. Sind sie gut, erzählt man das na­türlich gerne anderen Eltern, die ja auch da­mals so erstaunt waren, dass die kleine Claudia schon so früh durchgeschlafen hat

Je schneller, desto besser?

Aber stimmt das denn bei der kindlichen Entwicklung – je schneller, desto besser? Keinesfalls! Ein Kind, das zu einem Zeitpunkt laufen lernt, zu dem 80 % seiner Altersgenossen noch krabbeln, ist nicht »besser« oder intelligenter als ein Kind, das erst laufen lernt, wenn 80 % seiner Altersgenossen das schon können. Der bekannte britische Forscher und Kinderarzt Ronald Illingworth etwa gibt in einem seiner Lehrbücher folgendes Beispiel: »Eines der Kinder in meiner Praxis konnte schon mit 22 Wochen krabbeln und mit 8 1/2 Monaten ohne Hilfe laufen. Mit fünf Jahren testete ich seinen In­tel­li­genz­­quotienten – das Ergebnis war 88«(also deutlich unterdurchschnittlich).

Das Normale hat eine große Bandbreite. Die Meilensteine sind nicht zur Bespitzelung oder besonderen Auszeichnung von Kindern gedacht, sondern sie sind ein Beobachtungsinstrument, das dem Arzt hilft, die eventuell Kranken unter den Nachzüglern zu finden. Bewerten Sie die Meilensteine also bitte nicht zu hoch. Seien Sie beruhigt, wenn Ihr Kind sie zeitgerecht passiert, und verfallen Sie nicht in Angst und Schrecken, wenn die Statistik Ihr Kind nicht in den 90 %-Korridor aufnimmt. In der überwiegenden Zahl der Fälle wird Ihr Kind trotzdem gesund sein.


Beispiel Sprachentwicklung

Mädchen lernen im Schnitt früher sprechen als Jungs. Entgegen landläufiger Meinung lernen erstgeborene Kinder schneller sprechen als die folgenden Geschwister. Dies könnte mit der bei »Erstlingen« oft intensiveren Eltern-Kind-Kommunikation zusammenhängen. Und für die Theorie, dass manche Kinder aus »Faulheit« spät zu sprechen begännen – etwa weil Eltern (oder Geschwis­ter) sie »auch ohne Worte verstehen« – gibt es übrigens keine Beweise.

Fakt ist aber, die sprachliche Entwicklung zeigt eine ungeheuere Bandbreite: Das erste (sinnvolle) Wort wird normalerweise mit 9 bis 18 Monaten gesprochen. Ein normales zweijähriges Kind kann über einen Wortschatz von wenigen Worten, aber auch schon über einen von 2 000 Worten verfügen!
Die Diagnose einer »Sprachentwicklungsverzögerung« ist entsprechend häufig – so wa­ren etwa Einsteins Eltern sehr besorgt über ihren Filius, der mit vier Jahren noch nicht sprechen konnte.

Hierzu muss allerdings gesagt werden, dass sich die Sorgen von Einsteins Eltern auf einen bestimmten Aspekt der Sprache bezogen: das so genannte expressive (= aktive) Sprachvermögen, d. h. das Vermögen, sinnvolle Worte zu sagen. Es kann gut sein, dass Einstein zu diesem Zeitpunkt schon viele tausend Gegenstände, deren Namen ihm genannt wurden, in einem Bilderbuch hätte zeigen können, d. h. dass er über ein normales rezeptives (= erkennendes, passives) Sprachvermögen verfügte.

In der Regel lässt sich, wie in Einsteins Fall auch, keine Ursache für einen verzögerten Spracherwerb feststellen – falls das rezeptive Sprachvermögen normal entwickelt ist. Ist es das nicht oder sind auch andere Entwicklungsbereiche verzögert, so weist der verlangsamte Spracherwerb dagegen oft auf tiefer liegende Probleme hin, etwa eine geis­tige Behinderung, Autismus (LINK) oder eine Zerebralparese. In jedem Fall einer verzögerten Sprachentwicklung sollte eine Schwerhörigkeit ausgeschlossen werden.

Ein Besuch beim Kinderarzt ist anzuraten:

  • Wenn ein Kind mit 18 Monaten Einzelwörter noch nicht sinnvoll gebrauchen kann
  • Wenn ein Kind im Alter von zwei Jahren noch keine Zwei-Wort-Sätze gebraucht (z. B. »Mama müde«, »Ball haben«)
  • Wenn die Sprache auch nach dem 4. Lebens­jahr zum Großteil unverständlich ist

Ob eine logopädische Therapie (= Sprach- und Sprechtherapie) sinnvoll ist, hängt vom Einzelfall ab. Sie beeinflusst das passive Sprachvermögen nicht, und die mit einigem Aufwand zu erzielende Beschleunigung der aktiven Sprachentwicklung steht nicht in jedem Fall im Verhältnis zum Einsatz. Gute Logopäden können im Einzelfall erkennen, wo sich eine gezielte Förderung »lohnt« und wo nicht.

Sprechstörungen

Vom Sprachvermögen ist das Sprechvermögen abzugrenzen, also die Fähigkeit, Worte richtig auszusprechen. Auch beim Sprechvermögen werden Frühstarts, Spätstarts und Hochstarts beobachtet – am häufigsten ist der entwicklungsbedingte Sigmatismus (»Lis­peln«), der für Drei- und Vierjährige fast schon normal ist, aber dann eben meist von selbst vorübergeht. Generell sollten Sprechstörungen nicht zu einem großen »Thema« ge­macht werden, ab dem vierten Geburtstag (bei großem Leidensdruck des Kindes auch früher) aber mit einem Logopäden besprochen werden, der meist zu ei­ner Behandlung noch vor der Einschulung rät.

Der Rat »einfach zuzuwarten« gilt zumindest anfänglich auch für das Stottern, das bei 10 % der zwei- bis vierjährigen Kindern, vor allem Jungs, vorübergehend auftritt. Wird das Stottern aber mit vier Jahren nicht besser oder leidet das Kind darunter, so sollten Sie einen erfahrenen Logopäden zu Rate ziehen, der Ihrem Kind mit modernen Übungsprogrammen helfen kann. Stottern ist übrigens weder eine »falsche Angewohnheit«, noch entsteht es durch »psychische Belas­tungen« oder Familienkonflikte, wie früher vermutet wurde, sondern ist stark anlagebedingt. Die Forschung hat sich in diesem Gebiet rasch weiterentwickelt, so dass viele ältere Bücher mit Vorsicht zu genießen sind. Klingt die Sprache insgesamt »verwaschen« oder ist sie immer laut und monoton, so muss durch einen Hörtest eine Schwerhörigkeit ausgeschlossen werden. Bei ausgeprägten Sprechstörungen sollte immer auch ein Pädaudiologe (ein auf kindliche Stimm-, Sprech- und Sprachstörungen spezialisierter Arzt) konsultiert werden.


Kann Entwicklung trainiert werden?

Baby-Schwimmkurse bringen Kindern und Eltern Spaß, manchmal werden sie aber auch aus einem Missverständnis heraus gebucht: dass die Entwicklung des Kindes beschleunigt werden könne.
Obwohl es stimmt, dass übende Kinder schneller schwimmen lernen als solche, die nicht üben – die motorische Entwicklung insgesamt erreicht dadurch keine höhere Drehzahl. Der Entwicklungshorizont ist durch
die Reifung des Gehirns vorgegeben, und diese lässt sich nicht durch Tauchen oder Kraulen antreiben. Kein noch so ehrgeiziges Übungsprogramm kann einem Kind Fertigkeiten antrainieren, für das sein Gehirn noch nicht »eingerichtet« ist.
Bei der Auswertung des Bewegungsverhaltens von Säuglingen hat sich gezeigt, dass Kinder einen Entwicklungsschritt durch wochenlanges Üben »von morgens bis abends« einleiten. Sie halten dieses selbst auferlegte Trainingsprogramm nur deshalb durch, weil es mit Lust verbunden ist oder weil unerhörte Belohnungen locken – und sei es, die Finger endlich einmal an diese leuchtende Kugel zu bekommen, die dort so verlockend über dem Tisch schwebt. Wer dieses »urwüchsige« Lernen mit den zwei halben Stunden Training pro Woche vergleicht, die wir dem Baby in irgendwelchen Kursen angedeihen lassen, sieht rasch den Unterschied. Der beste Entwicklungsstimulus ist nun einmal, wie beim Erwachsenen auch, das eigene Interesse.
Beobachten Sie deshalb die Entwicklungsinteressen Ihres Kindes und setzen Sie mit Ihrer Unterstützung dort an. Wenn sich Ihr Zweijähriger auf einmal danach verzehrt, malen zu dürfen, organisieren Sie Fingerfarben, alte Pinsel und auswaschbare Kleidung. Wenn klettern dran ist, planen Sie für den Rückweg vom Einkaufen zehn Minuten mehr ein (Sie ahnen gar nicht, wie viele kleine Mäuerchen es auf einmal gibt).

Warnzeichen einer gestörten Entwicklung

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Kinder mit Entwicklungsverzögerungen haben oft Schwierigkeiten mit dem sicheren Stehen, mit dem Sichhochziehen und mit dem Klettern – und gleichzeitig profitieren sie sehr davon, genau dieses zu tun. Eine Hilfe können hier Spezialmöbel sein. Diese Hockerkombination wurde in einer Krankengymnastikpraxis entdeckt und, weil das Kind in der Therapie gern damit spielte, aus ein paar Baumarktbrettern und -winkeln nachgebaut. Im Gegensatz zu den üblichen Tritthockern bietet sie ­verschiedene Höhenniveaus und seitliche Stützen an, so dass auch entwicklungs­verzögerte Kinder sich ohne große Sturz­gefahr hochziehen, klettern und das Ganze vor sich herschiebend auf Entdeckungs­reise in der Küche gehen können.
[ASL]

Ganz grob gehen Kinderärzte davon aus, dass von den 10 % der Kinder, die ihre »Meilensteine« nicht altersgerecht passieren (und deshalb als entwicklungsverzögert bezeichnet werden), etwa ein Drittel:

  • Entweder von einer feststellbaren Krankheit betroffen ist, die mit Entwicklungsproblemen einhergeht, oder
  • Im weiteren Verlauf, auch ohne greifbare Erkrankung, mit seiner Entwicklung weiter in Rückstand gerät und damit bleibend behindert sein wird.

Bei solchen Kindern wird dann nicht mehr von einer Entwicklungsverzögerung, sondern von einer Entwicklungsstörung gesprochen (wobei die genaue Zuordnung oft erst im Nachhinein zu treffen ist). Oft werden bei diesen Kindern mehrere Zeichen einer verlangsamten Entwicklung beobachtet (siehe Kasten rechts).

Für eine gestörte Entwicklung sprechen ge­nerell ein verlangsamtes Entwicklungstempo (»verpasste Meilensteine«) sowie die folgenden Warnzeichen:

Im Bereich der Motorik

  • Veränderungen der Muskelspannung (des Muskeltonus): herabgesetzt (zu »schlaf­fes« Kind) oder erhöht (zu »steifes« Kind). Die Veränderungen betreffen manchmal nur eine Körperregion, z. B. den Rumpf
  • Erhebliche Seitenunterschiede in der Körperhaltung und Bewegung (dass ein Baby eine Seite zum Schlafen bevorzugt, ist aber in der Regel normal)
  • Beibehalten von Bewegungsmustern, die sich normalerweise mit der Reifung des Gehirns verlieren. So schließt das Baby in den ersten zwei Monaten die Hand ganz fest, wenn die Handinnenfläche berührt wird, legt diesen »Primitivreflex« danach aber zu den Akten, um sich auf das zielgerichtete Greifen vorzubereiten

In den übrigen Bereichen

  • Mangelnde Kontaktaufnahme: fehlen­des »soziales« Lächeln (normalerweise mit drei Monaten gut entwickelt)
  • Abnorme Erregbarkeit des Nervensys­tems: zu schläfrig bzw. zu »überdreht« (schrille Schreie, Zittrigkeit bis hin zu Krampfan­fällen)
  • Verlangsamte (rezeptive) Sprachentwick­lung

Wer braucht einen Spezialisten?

Um solche Fälle zu erkennen und »abzuklä­ren«, sollte jedes Kind mit Entwicklungspro­blemen einem auf Entwicklungsneurologie oder Sozialpädiatrie spezialisierten Arzt vor­ge­stellt werden – entsprechende Zentren finden sich in allen größeren Städten.

Es ist völlig in Ordnung, dazu nicht nur einen Arzt zu Rate zu ziehen, bedenken Sie aber, dass der Rat eines noch so guten Spezialis­ten bei einem einzelnen Besuch oft wenig bringt, da eine verlässliche Einschätzung häufig erst durch die Verlaufsbeobachtung, z. B. alle drei Monate, möglich wird.

Prognose ist oft schwierig

Oft ist es aber selbst Spezialisten an Universitätskliniken unmöglich, bei einem entwick­lungsverzögerten 12- oder selbst 18-monatigen Kind zu entscheiden, ob es »etwas hat« oder ob es sich in Zukunft normal entwickeln wird. Sie können lediglich feststellen, dass das Kind in so und so vielen Entwicklungsbereichen »zurück« ist und deshalb – möglicherweise unnötige – Fördermaßnahmen einleiten. Klarheit bringt vielfach erst die weitere Beobachtung über viele Monate. Erst mit zwei Jahren ist eine gewisse Prognose im Regelfall möglich.

Dass der Blick in die Zukunft selbst für Fachleute so schwierig ist, liegt auch daran, dass die am einfachsten zu beobachtenden Entwicklungsschritte des Kindes am wenigsten Aussagekraft für die zukünftige Entwicklung haben. Das gilt z. B. für die motorische Entwicklung und auch für das Sauberwerden. Körperliche Reifungsmerkmale wie der Zahndurchbruch oder der Verschluss der Fontanellen haben schon gar nichts mit dem allgemeinen Entwicklungstempo zu tun.

Die Ungewissheit über die Entwicklungsprognose ihres Kindes kann für Eltern sehr
zermürbend sein. Auch bleiben Frustrationenmit dem »Medizinsystem« wegen möglicherweise unnötiger oder zu spät einsetzende Therapien nicht aus. Da helfen nur zwei Dinge: erstens Gelassenheit bewahren ge­gen­über den Therapeuten (sie sind in aller Re­gel nicht schuld) und zweitens das Sorgenkind konsequent beobachten und alles aufgreifen, was sich dem Kind an Ent­wicklungsmöglichkeiten im täglichen Leben »an­bie­tet«, und sei es »nur« ein sicheres Kletterge­rüst in der Küche (siehe Abb. rechts oben).

Isoliert oder global?

Der Kinderarzt oder die Spezialisten können jedoch durch ihre Untersuchungen oft erkennen, ob es sich um eine isolierte, d. h. nur einen bestimmten Bereich betreffende, oder eine globale Entwicklungsverzögerung handelt. Bei letzterer Form sind alle Bereiche der Entwicklung verlangsamt – also etwa motorische Entwicklung und Sprachentwicklung und soziale Entwicklung.
Es hat sich gezeigt, dass sich isolierte Entwicklungsverzögerungen eher »auswachsen« als globale Störungen, die oft auch mit einer verminderten Intelligenz einhergehen. Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel.

Hilft Frühförderung?

Aus dem Gesagten wird verständlich, weshalb
wir diese Frage nicht pauschal beantworten können. »Entwicklungsverzögerungen« sind so vielfältig wie die betroffenen Kinder. Als grobe Richtschnur kann gelten:

  • An viele »bewährte« Methoden der Krankengymnastik, etwa die hierzulande weit ver­breiteten Ansätze nach Bobath und Voj­ta, aber auch viele Methoden der Ergotherapie und der Heilpädagogik, werden oft überzogene Erwartungen gerichtet. Auch wenn sie das Kind im Einzelfall unterstützen können, so kann ihnen keine generelle Wirksamkeit bescheinigt werden. Wenn Sie sich also einigermaßen sicher sind, dass eine Behandlung Ihrem Kind nichts bringt: Brechen Sie sie ab – aber halten Sie weiter Kontakt mit Ihrem (oder anderen) Therapeuten.
  • Das gilt vor allem für isolierte Entwicklungsverzögerungen, etwa im Bereich der Motorik – hier können selbst ehrgeizige Förderprogramme oft wenig ausrichten (die Therapien können aber sehr wohl erhebli­chen Stress in die Familie bringen).
  • Kinder mit schwereren und globalen Entwicklungsproblemen dagegen brauchen in jedem Fall frühzeitig umfassende Beratung und Förderung durch Krankengymnasten, Logopäden, Ergotherapeuten, Ärzte und andere Fachleute.
  • Viele Studien bestätigen das: Ein positives und anregendes Familienumfeld ist für die Entwicklung behinderter Kinder mindes­tens genauso entscheidend wie ausgefeilte Förderprogramme!
  • Hilfreich ist in jedem Fall der Rat anderer Betroffener in Selbsthilfegruppen, die die oft auf vielen Ebenen liegenden Probleme aus erster Hand kennen.

Bei Entwicklungsverzögerungen gilt: Es gibt die Igel und Schnecken, die aber trotzdem zum Ziel kommen (was in der Praxis heißt, dass das Kind normal eingeschult werden kann) – und es gibt die, wo der Abstand zur Norm auf Dauer bleibt. Aber auch dann erleben die meisten Eltern, dass solche Kinder nicht unglücklicher sind als die in »normalen« Bildungseinrichtungen. Zu sehen, wie sie wachsen und – in Grenzen dann – ihre Unabhängigkeit entwickeln, ist genauso spannend wie mit »normalen« Kindern.

Weiterführende Informationen

  • Dümler, R., Jäcklein, M.: »Ich sag doch Lollmops!« Kindern mit Aussprachestörungen helfen. Kösel, 2005
  • BVSS (Bundesvereinigung Stotterer-Selbst­hilfe e.V.) www.bvss.de
  • Gute Website zum Thema ­Stottern www.sprachheilpaedagogik.de/stottern
Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 17:07 Uhr )