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Entwicklungsstörungen - Ist mein Kind normal?

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 09. Juni 2009 um 09:49 Uhr
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Ist mein Kind normal?

Es ist eine der bedrückendsten Sorgen der Eltern, ihr Kind sei »nicht normal«. Die Schwierigkeiten fangen schon bei der Frage an: Was ist normal?
Kinderärzte haben deshalb schon früh be­gon­nen, die Entwicklung des Kindes ge­nau zu beobachten, zu vermessen und zu beschreiben. Dabei stießen sie auf eine ungeheure Vielfalt: Manche Kinder sind motorisch begabt, lernen früh laufen, aber spät sprechen, andere umgekehrt. Manche haben ihr Talent im stillen Betrachten, andere müssen an allem rütteln und zupfen, was ihnen in den Weg kommt. Vergleicht man Kinder miteinander, so zeigt sich vor allem, wie unterschiedlich schnell sie sich auf den verschiedenen Ebenen der Entwicklung entfalten.

Neben der Persönlichkeit wird das Ent­wick­lungs­tempo auch vom Geschlecht bestimmt. Mädchen lernen früher laufen, entwickeln sich sprachlich schneller und sind früher sauber als Jungs.
Am ehesten sind Kinder noch vergleichbar im Wachstum und in der motorischen Entwicklung, also im Erlernen der Bewegungs­ab­läufe. Dies erklärt sich dadurch, dass dieser Teil der Entwicklung stärker genetisch bedingt (anlagebedingt) ist als etwa die soziale Entwicklung, die mehr von der Um­welt des Kindes abhängt. Aber selbst beim Wachstum und bei der motorischen Ent­faltung zeigt sich eine große Bandbreite: 15 % der normal entwickelten Kinder etwa lernen gehen, ohne zuvor auf allen vieren zu krabbeln.

Auch wenn man das individuelle Entwick­lungs­tempo betrachtet, verläuft die Entwicklung nicht wie eine Schweizer Markenuhr. Da scheint die Zeit mal schneller zu laufen, mal langsamer, einmal tun die Kinder einen Entwicklungssprung und legen dann wieder eine kreative Pause ein, in der es den Eltern scheint, dass sich »gar nichts tut«.

Was heißt: normal?

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Eine wichtige Triebfeder, schon für ganz kleine Kinder: das Bedürfnis nach Selbstständigkeit. Kinder wachsen nicht nur durch Behütetsein, sondern auch dadurch, dass wir ihnen eigene Schritte zutrauen und sie selber tun dürfen, was sie selber tun können.
[NMR]

Die Mediziner betrachten ein Kind als »normal«, wenn es einen bestimmten Entwick­lungs­schritt mindestens zur gleichen Zeit macht wie die überwältigende Mehrheit, nämlich 90 %, der Kinder. Dass gerade 90 % gewählt wurden, ist übrigens reine Willkür. Aus diesen 90 %-Werten wurden dann die sog. Meilensteine der Entwicklung abgeleitet: »Normale« Kinder können spätestens mit drei Monaten in Bauchlage den Kopf von der Unterlage abheben (das wäre also für ein Kind ein solcher »Meilenstein«), mit neun Monaten ohne Unterstützung sitzen, mit 18 Monaten selbstständig laufen. Ein Kind, das erst mit 19 Monaten laufen lernt, ist nach diesen Kriterien also »nicht normal«. Seine Entwicklung fällt aus dem statistischen Rahmen – das Kind wird deshalb auch als (im motorischen Bereich) entwicklungsverzögert bezeichnet.
Das heißt aber nicht, dass es deshalb als Erwachsener krank oder behindert sein wird! Ein entwicklungsverzögertes Kind holt in der Mehrzahl der Fälle wieder auf und wächst damit von selbst »in die Normalität hinein«. Weil aber ein entwicklungsverzögertes Kind eine Ausnahme ist, sollte es dem Kinderarzt vorgestellt werden, um sicher zu gehen, dass hinter der relativ langsamen Entwicklung nicht eine Krankheit oder bleibende Behinderung steckt (mehr zum Thema Entwicklungsverzögerung).

Meilenstein-Terror

Wie oft hören Sie von anderen Eltern: Mein Kind kann schon das, und meines jenes – »Meine Claudia spricht mit ihren 18 Mona­­ten doch glatt schon die ersten Drei-Wort-Sätze«. Und damit beginnt der Meilenstein-Terror. Denn im Vergleich zu der kleinen Quasselstrippe der Nachbarin steht Ihr Max auf einmal da wie ein vernachlässigtes Findelkind.
Was hier vielleicht amüsant klingt, deutet auf eine beklagenswerte Tatsache hin: Die »Meilensteine« der Entwicklung werden von den Eltern oft wie die ersten Schulzeugnisse betrachtet. Sind sie gut, erzählt man das na­türlich gerne anderen Eltern, die ja auch da­mals so erstaunt waren, dass die kleine Claudia schon so früh durchgeschlafen hat

Je schneller, desto besser?

Aber stimmt das denn bei der kindlichen Entwicklung – je schneller, desto besser? Keinesfalls! Ein Kind, das zu einem Zeitpunkt laufen lernt, zu dem 80 % seiner Altersgenossen noch krabbeln, ist nicht »besser« oder intelligenter als ein Kind, das erst laufen lernt, wenn 80 % seiner Altersgenossen das schon können. Der bekannte britische Forscher und Kinderarzt Ronald Illingworth etwa gibt in einem seiner Lehrbücher folgendes Beispiel: »Eines der Kinder in meiner Praxis konnte schon mit 22 Wochen krabbeln und mit 8 1/2 Monaten ohne Hilfe laufen. Mit fünf Jahren testete ich seinen In­tel­li­genz­­quotienten – das Ergebnis war 88«(also deutlich unterdurchschnittlich).

Das Normale hat eine große Bandbreite. Die Meilensteine sind nicht zur Bespitzelung oder besonderen Auszeichnung von Kindern gedacht, sondern sie sind ein Beobachtungsinstrument, das dem Arzt hilft, die eventuell Kranken unter den Nachzüglern zu finden. Bewerten Sie die Meilensteine also bitte nicht zu hoch. Seien Sie beruhigt, wenn Ihr Kind sie zeitgerecht passiert, und verfallen Sie nicht in Angst und Schrecken, wenn die Statistik Ihr Kind nicht in den 90 %-Korridor aufnimmt. In der überwiegenden Zahl der Fälle wird Ihr Kind trotzdem gesund sein.



Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 17:07 Uhr )