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Entwicklungsstörungen - Kann Entwicklung trainiert werden?

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 09. Juni 2009 um 09:49 Uhr
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Kann Entwicklung trainiert werden?

Baby-Schwimmkurse bringen Kindern und Eltern Spaß, manchmal werden sie aber auch aus einem Missverständnis heraus gebucht: dass die Entwicklung des Kindes beschleunigt werden könne.
Obwohl es stimmt, dass übende Kinder schneller schwimmen lernen als solche, die nicht üben – die motorische Entwicklung insgesamt erreicht dadurch keine höhere Drehzahl. Der Entwicklungshorizont ist durch
die Reifung des Gehirns vorgegeben, und diese lässt sich nicht durch Tauchen oder Kraulen antreiben. Kein noch so ehrgeiziges Übungsprogramm kann einem Kind Fertigkeiten antrainieren, für das sein Gehirn noch nicht »eingerichtet« ist.
Bei der Auswertung des Bewegungsverhaltens von Säuglingen hat sich gezeigt, dass Kinder einen Entwicklungsschritt durch wochenlanges Üben »von morgens bis abends« einleiten. Sie halten dieses selbst auferlegte Trainingsprogramm nur deshalb durch, weil es mit Lust verbunden ist oder weil unerhörte Belohnungen locken – und sei es, die Finger endlich einmal an diese leuchtende Kugel zu bekommen, die dort so verlockend über dem Tisch schwebt. Wer dieses »urwüchsige« Lernen mit den zwei halben Stunden Training pro Woche vergleicht, die wir dem Baby in irgendwelchen Kursen angedeihen lassen, sieht rasch den Unterschied. Der beste Entwicklungsstimulus ist nun einmal, wie beim Erwachsenen auch, das eigene Interesse.
Beobachten Sie deshalb die Entwicklungsinteressen Ihres Kindes und setzen Sie mit Ihrer Unterstützung dort an. Wenn sich Ihr Zweijähriger auf einmal danach verzehrt, malen zu dürfen, organisieren Sie Fingerfarben, alte Pinsel und auswaschbare Kleidung. Wenn klettern dran ist, planen Sie für den Rückweg vom Einkaufen zehn Minuten mehr ein (Sie ahnen gar nicht, wie viele kleine Mäuerchen es auf einmal gibt).

Warnzeichen einer gestörten Entwicklung

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Kinder mit Entwicklungsverzögerungen haben oft Schwierigkeiten mit dem sicheren Stehen, mit dem Sichhochziehen und mit dem Klettern – und gleichzeitig profitieren sie sehr davon, genau dieses zu tun. Eine Hilfe können hier Spezialmöbel sein. Diese Hockerkombination wurde in einer Krankengymnastikpraxis entdeckt und, weil das Kind in der Therapie gern damit spielte, aus ein paar Baumarktbrettern und -winkeln nachgebaut. Im Gegensatz zu den üblichen Tritthockern bietet sie ­verschiedene Höhenniveaus und seitliche Stützen an, so dass auch entwicklungs­verzögerte Kinder sich ohne große Sturz­gefahr hochziehen, klettern und das Ganze vor sich herschiebend auf Entdeckungs­reise in der Küche gehen können.
[ASL]

Ganz grob gehen Kinderärzte davon aus, dass von den 10 % der Kinder, die ihre »Meilensteine« nicht altersgerecht passieren (und deshalb als entwicklungsverzögert bezeichnet werden), etwa ein Drittel:

  • Entweder von einer feststellbaren Krankheit betroffen ist, die mit Entwicklungsproblemen einhergeht, oder
  • Im weiteren Verlauf, auch ohne greifbare Erkrankung, mit seiner Entwicklung weiter in Rückstand gerät und damit bleibend behindert sein wird.

Bei solchen Kindern wird dann nicht mehr von einer Entwicklungsverzögerung, sondern von einer Entwicklungsstörung gesprochen (wobei die genaue Zuordnung oft erst im Nachhinein zu treffen ist). Oft werden bei diesen Kindern mehrere Zeichen einer verlangsamten Entwicklung beobachtet (siehe Kasten rechts).

Für eine gestörte Entwicklung sprechen ge­nerell ein verlangsamtes Entwicklungstempo (»verpasste Meilensteine«) sowie die folgenden Warnzeichen:

Im Bereich der Motorik

  • Veränderungen der Muskelspannung (des Muskeltonus): herabgesetzt (zu »schlaf­fes« Kind) oder erhöht (zu »steifes« Kind). Die Veränderungen betreffen manchmal nur eine Körperregion, z. B. den Rumpf
  • Erhebliche Seitenunterschiede in der Körperhaltung und Bewegung (dass ein Baby eine Seite zum Schlafen bevorzugt, ist aber in der Regel normal)
  • Beibehalten von Bewegungsmustern, die sich normalerweise mit der Reifung des Gehirns verlieren. So schließt das Baby in den ersten zwei Monaten die Hand ganz fest, wenn die Handinnenfläche berührt wird, legt diesen »Primitivreflex« danach aber zu den Akten, um sich auf das zielgerichtete Greifen vorzubereiten

In den übrigen Bereichen

  • Mangelnde Kontaktaufnahme: fehlen­des »soziales« Lächeln (normalerweise mit drei Monaten gut entwickelt)
  • Abnorme Erregbarkeit des Nervensys­tems: zu schläfrig bzw. zu »überdreht« (schrille Schreie, Zittrigkeit bis hin zu Krampfan­fällen)
  • Verlangsamte (rezeptive) Sprachentwick­lung

Wer braucht einen Spezialisten?

Um solche Fälle zu erkennen und »abzuklä­ren«, sollte jedes Kind mit Entwicklungspro­blemen einem auf Entwicklungsneurologie oder Sozialpädiatrie spezialisierten Arzt vor­ge­stellt werden – entsprechende Zentren finden sich in allen größeren Städten.

Es ist völlig in Ordnung, dazu nicht nur einen Arzt zu Rate zu ziehen, bedenken Sie aber, dass der Rat eines noch so guten Spezialis­ten bei einem einzelnen Besuch oft wenig bringt, da eine verlässliche Einschätzung häufig erst durch die Verlaufsbeobachtung, z. B. alle drei Monate, möglich wird.

Prognose ist oft schwierig

Oft ist es aber selbst Spezialisten an Universitätskliniken unmöglich, bei einem entwick­lungsverzögerten 12- oder selbst 18-monatigen Kind zu entscheiden, ob es »etwas hat« oder ob es sich in Zukunft normal entwickeln wird. Sie können lediglich feststellen, dass das Kind in so und so vielen Entwicklungsbereichen »zurück« ist und deshalb – möglicherweise unnötige – Fördermaßnahmen einleiten. Klarheit bringt vielfach erst die weitere Beobachtung über viele Monate. Erst mit zwei Jahren ist eine gewisse Prognose im Regelfall möglich.

Dass der Blick in die Zukunft selbst für Fachleute so schwierig ist, liegt auch daran, dass die am einfachsten zu beobachtenden Entwicklungsschritte des Kindes am wenigsten Aussagekraft für die zukünftige Entwicklung haben. Das gilt z. B. für die motorische Entwicklung und auch für das Sauberwerden. Körperliche Reifungsmerkmale wie der Zahndurchbruch oder der Verschluss der Fontanellen haben schon gar nichts mit dem allgemeinen Entwicklungstempo zu tun.

Die Ungewissheit über die Entwicklungsprognose ihres Kindes kann für Eltern sehr
zermürbend sein. Auch bleiben Frustrationenmit dem »Medizinsystem« wegen möglicherweise unnötiger oder zu spät einsetzende Therapien nicht aus. Da helfen nur zwei Dinge: erstens Gelassenheit bewahren ge­gen­über den Therapeuten (sie sind in aller Re­gel nicht schuld) und zweitens das Sorgenkind konsequent beobachten und alles aufgreifen, was sich dem Kind an Ent­wicklungsmöglichkeiten im täglichen Leben »an­bie­tet«, und sei es »nur« ein sicheres Kletterge­rüst in der Küche (siehe Abb. rechts oben).

Isoliert oder global?

Der Kinderarzt oder die Spezialisten können jedoch durch ihre Untersuchungen oft erkennen, ob es sich um eine isolierte, d. h. nur einen bestimmten Bereich betreffende, oder eine globale Entwicklungsverzögerung handelt. Bei letzterer Form sind alle Bereiche der Entwicklung verlangsamt – also etwa motorische Entwicklung und Sprachentwicklung und soziale Entwicklung.
Es hat sich gezeigt, dass sich isolierte Entwicklungsverzögerungen eher »auswachsen« als globale Störungen, die oft auch mit einer verminderten Intelligenz einhergehen. Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel.

Hilft Frühförderung?

Aus dem Gesagten wird verständlich, weshalb
wir diese Frage nicht pauschal beantworten können. »Entwicklungsverzögerungen« sind so vielfältig wie die betroffenen Kinder. Als grobe Richtschnur kann gelten:

  • An viele »bewährte« Methoden der Krankengymnastik, etwa die hierzulande weit ver­breiteten Ansätze nach Bobath und Voj­ta, aber auch viele Methoden der Ergotherapie und der Heilpädagogik, werden oft überzogene Erwartungen gerichtet. Auch wenn sie das Kind im Einzelfall unterstützen können, so kann ihnen keine generelle Wirksamkeit bescheinigt werden. Wenn Sie sich also einigermaßen sicher sind, dass eine Behandlung Ihrem Kind nichts bringt: Brechen Sie sie ab – aber halten Sie weiter Kontakt mit Ihrem (oder anderen) Therapeuten.
  • Das gilt vor allem für isolierte Entwicklungsverzögerungen, etwa im Bereich der Motorik – hier können selbst ehrgeizige Förderprogramme oft wenig ausrichten (die Therapien können aber sehr wohl erhebli­chen Stress in die Familie bringen).
  • Kinder mit schwereren und globalen Entwicklungsproblemen dagegen brauchen in jedem Fall frühzeitig umfassende Beratung und Förderung durch Krankengymnasten, Logopäden, Ergotherapeuten, Ärzte und andere Fachleute.
  • Viele Studien bestätigen das: Ein positives und anregendes Familienumfeld ist für die Entwicklung behinderter Kinder mindes­tens genauso entscheidend wie ausgefeilte Förderprogramme!
  • Hilfreich ist in jedem Fall der Rat anderer Betroffener in Selbsthilfegruppen, die die oft auf vielen Ebenen liegenden Probleme aus erster Hand kennen.

Bei Entwicklungsverzögerungen gilt: Es gibt die Igel und Schnecken, die aber trotzdem zum Ziel kommen (was in der Praxis heißt, dass das Kind normal eingeschult werden kann) – und es gibt die, wo der Abstand zur Norm auf Dauer bleibt. Aber auch dann erleben die meisten Eltern, dass solche Kinder nicht unglücklicher sind als die in »normalen« Bildungseinrichtungen. Zu sehen, wie sie wachsen und – in Grenzen dann – ihre Unabhängigkeit entwickeln, ist genauso spannend wie mit »normalen« Kindern.

Weiterführende Informationen

  • Dümler, R., Jäcklein, M.: »Ich sag doch Lollmops!« Kindern mit Aussprachestörungen helfen. Kösel, 2005
  • BVSS (Bundesvereinigung Stotterer-Selbst­hilfe e.V.) www.bvss.de
  • Gute Website zum Thema ­Stottern www.sprachheilpaedagogik.de/stottern


Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 17:07 Uhr )