Netzathleten Partner

Brechungsfehler

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Mittwoch, den 08. Oktober 2008 um 08:18 Uhr
Beitragsseiten
Brechungsfehler
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
Alle Seiten
Häufigkeit: Häufigkeit 5 von 5: Weit verbreitet

Brechungsfehler, also Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit sowie Astigmatismus, sind sehr häufig. Vor allem die Kurzsichtigkeit scheint ein nicht wegzudenkender Wegbegleiter der Zivilisation des Menschen zu sein: Über die Hälfte der Menschen, die ihre Augen häufig und über längere Zeiten auf den Nahbereich fixieren (indem sie sich z. B. solch »unnatürlichen« Dingen wie Lesen und Schreiben hingeben), entwickeln eine Kurzsichtigkeit. Unser optischer Apparat ist nun einmal für die Erfordernisse der Wildnis optimiert, in der es relativ uninteressant war, seinen Nahbereich stundenlang anzustarren. Entsprechend bekommen mindestens ein Drittel aller Kinder früher oder später eine Sehhilfe. Da Brechungsfehler aber durch eine Brille meist gut korrigiert werden können, haben die meisten betroffenen Kinder im Alltag keine Nachteile.

Leitbeschwerden

  • Oft keine Beschwerden
  • Möglicherweise auffällige motorische Ungeschicklichkeit
  • Möglicherweise Schielen
  • Möglicherweise frühes Ermüden, abendliche Kopfschmerzen
  • Möglicherweise häufiges Blinzeln, Lesen und Schreiben »mit der Nase«, d. h. Gegenstände werden sehr nah an die Augen gehalten, um scharf zu sehen
  • Bei Babys und Kleinkindern und großem Sehkraftunterschied der Augen: Wenn man das bessere Auge mit einer Hand abdeckt, schreit das Kind möglicherweise oder versucht die Hand wegzuschieben, um wieder besser zu sehen
  • Möglicherweise Schulprobleme

Wann zum Arzt

Einen Termin beim Augenarzt ausmachen, wenn

  • Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind nicht richtig sieht, Ihr Baby Sie z. B. nicht richtig anschaut.

Das Wichtigste aus der Medizin

Beim Gesunden werden die Lichtstrahlen beim Blick auf einen Gegenstand durch die Linse immer so gebündelt (»gebrochen«), dass ein scharfes Bild des Gegenstandes auf der Netzhaut entsteht. Ist der Linse diese Bündelung nicht möglich, so befindet sich das scharfe Bild eines Gegenstandes vor oder hinter der Netzhaut. Der Betroffene sieht unscharf und braucht eine Brille, die das scharfe Bild auf die Netzhaut verlegt.

Kurzsichtigkeit

Die häufigste Ursache der Kurzsichtigkeit (= Myopie) ist ein zu langer Augapfel, seltener eine zu starke Brechkraft der Hornhaut oder der Linse. Die Folge ist dieselbe: Das Kind sieht in der Ferne schlecht, in der Nähe aber gut. Oder, etwas technischer: Das Bild weit entfernter Gegenstände entsteht nicht auf, sondern vor der Netzhaut, das Bild auf der Netzhaut ist hingegen unscharf.

Entsprechend fallen kurzsichtige Kinder dadurch auf, dass sie z. B. Wörter auf der Schultafel schlecht lesen können. Allerdings: Vielen Kindern ist ihr Sehproblem lange gar nicht bewusst, sie mogeln sich durch Augenzusammenkneifen oder Abschreiben beim Nebensitzer durch. Denken Sie deshalb bei Schulproblemen auch an die Augen!

Die Kurzsichtigkeit ist heute viel häufiger als noch vor wenigen Generationen. Es wird vermutet, dass die »zivilisationsbedingte« Kurzsichtigkeit dadurch entsteht, dass der Augapfel durch die häufige Naheinstellung (Lesen, Schreiben, Computerarbeit) Monat für Monat um Bruchteile eines Millimeters in die Länge wächst. Dies könnte mit dem bei Naheinstellung immer wieder auf den Augapfel ausgeübten Zug durch die sich zusammenziehenden Ziliarmuskeln zusammenhängen, bewiesen ist dies jedoch nicht. In jedem Fall reicht schon eine Längung um nur die Dicke eines Fingernagels aus, um eine Kurzsichtigkeit auszulösen.

Bei Kurzsichtigkeit verordnet der Augenarzt eine Zerstreuungslinse, die das scharfe Bild weiter nach hinten verlegt. Die Brillengläser eines Kurzsichtigen sind konkav, also außen am Rand dicker als in der Mitte (Merkspruch: in konkave Gläser kann man Kaffee hineingießen). Der Optiker nennt sie auch Minusgläser – auf der Brillenglasverordnung steht ein Minus vor der Dioptrienzahl.

Nicht wenige kurzsichtige Kinder brauchen mehr oder minder regelmäßig – etwa alle 6–12 Monate – eine neue, stärkere Brille. Manche von ihnen klagen zudem darüber, dass sich die Sehkraft schon 6–8 Wochen nach der Anpassung der neuen Brille wieder verschlechtert und das Lesen an der Schultafel erneut Probleme bereitet. Die Ursache einer dergestalt voranschreitenden Kurzsichtigkeit ist nicht klar, sie ist aber so lange nicht tragisch, wie die Dioptrienzahl im moderaten Bereich, d. h. unter –8 dpt., verbleibt und mit Ende der Pubertät »Ruhe einkehrt«.

Bei stärker fehlsichtigen Kindern ist das Risiko späterer Netzhautrisse erhöht. Außerdem korrigieren die Brillen nicht mehr optimal, es entstehen störende Farbränder und das Bild wird zu stark verkleinert. Schreitet die Kurzsichtigkeit auch nach der Pubertät noch (deutlich) fort, kann daraus eine extrem starke sog. maligne Myopie mit Erblindungsgefahr erwachsen.

Weitsichtigkeit

Sehfehler bei Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit
Die auf das Auge treffenden Lichtstrahlen (in der Abbildung als parallele blaue Linien gezeichnet) werden von der Hornhaut und der Linse gebündelt und treffen beim normalsichtigen Auge an genau einem Punkt auf der Netzhaut zusammen. Bei kurz- und weitsichtigen Kindern ist das anders: Hier werden die Lichtstrahlen nicht genau auf die Netzhaut gebündelt, so dass dort kein scharfes Bild entsteht. Durch eine Zerstreuungslinse bei Kurzsichtigkeit bzw. eine Sammellinse bei Weitsichtigkeit lässt sich dies korrigieren.
[GRA]

Bei der weniger häufigen Weitsichtigkeit (= Übersichtigkeit, Hyperopie) ist der Augapfel des Kindes zu kurz, selten liegt eine zu geringe Brechkraft der Linse zugrunde. Das Kind sieht nahe Gegenstände unscharf, weil das scharfe Bild eines aus der Nähe betrachteten Gegenstandes hinter der Netzhaut liegt.

Da das kindliche Auge viel besser in die Nähe sieht als das des Erwachsenen (ein Kleinkind kann sogar seine Nasenspitze scharf sehen), fällt Weitsichtigkeit bei Kindern oft lange nicht auf – das Kind »schaut einfach schärfer hin«. Das Auge muss sich dabei aber ständig mehr anstrengen, weshalb die Kinder nicht selten über abendliche Kopfschmerzen klagen. Manche Kinder fallen durch Ungeschicklichkeit vor allem beim Arbeiten in der Nähe auf. Außerdem begünstigt eine erhebliche Weitsichtigkeit die Entwicklung eines Schielens, da die Naheinstellung immer mit einer Bewegung der Augäpfel nach innen (zur Nase hin) gekoppelt ist.

Korrigiert wird die Weitsichtigkeit durch eine Sammellinse, die das Licht bündelt, so dass das scharfe Bild weiter vorne und damit auf der Netzhaut entsteht. Sammellinsen sind dadurch zu erkennen, dass sie konvex (innen dick und außen dünn) sind – auf der Brillenglasverordnung steht ein Plus vor der Dioptrienzahl (Plusgläser).

Bei vielen weitsichtigen Kindern schwächt sich die Weitsichtigkeit im Verlauf der Wachstumsperiode ab oder kann sogar in eine Kurzsichtigkeit übergehen; bei anderen bleibt sie lebenslang relativ konstant.

Astigmatismus

Der Astigmatismus (= Stabsichtigkeit, sog. Hornhautverkrümmung) ist in der Mehrheit der Fälle durch eine »falsche« Krümmung der Hornhaut verursacht, deren Innen- und Außenflächen nicht mehr »sphärisch« wie eine Kugeloberfläche aussehen, sondern »zylindrisch« wie die eines Eies oder Zylinders. Ein Kreis wird demzufolge auf der Netzhaut nicht mehr als Kreis, sondern als Oval abgebildet – das Kind sieht verzerrt und kann schlechter lesen. Das klingt allerdings schlimmer, als es ist: Keine Hornhaut der Welt ist mathematisch ideal ausgeformt, weshalb ein schwächerer Astigmatismus alleine problemlos toleriert wird.

Der Astigmatismus tritt aber meist in Kombination mit Kurz- oder Weitsichtigkeit auf und wird dann durch kombinierte Brillengläser korrigiert. Die Verordnung enthält hier neben der Dioptrienzahl für die Kurz- oder Weitsichtigkeit eine zweite Dioptrienzahl verbunden mit einer Gradzahl zwischen –180° und +180°. In ausgeprägten Fällen helfen allerdings nur spezielle harte Kontaktlinsen.


Das macht der Arzt

 

» Hier weiterlesen

 

Aktualisiert ( Montag, den 09. Februar 2015 um 13:45 Uhr )