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Neurodermitis

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 12:52 Uhr
Beitragsseiten
Neurodermitis
Das Wichtigste aus der Medizin
Neurodermitis: Was im Körper abläuft
Das macht der Arzt
Ganzheitliche Behandlung
Tipps zur Basispflege
So helfen Sie Ihrem Kind
Aus Elternsicht: Neurodermitis
Möglichkeiten der Naturheilkunde
Vorsorge
Prognose und Verlauf
Weiterführende Informationen
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Häufigkeit: Häufigkeit 4 von 5: Häufig

Die Neurodermitis (= atopisches Ekzem, endogenes Ekzem, atopische Dermatitis) ist eine chronische (= lang dauernde), häufig schubweise auftretende Hautentzündung mit oft quälendem Juckreiz, von der vornehmlich Kinder betroffen sind. Die Neurodermitis gehört zum Formenkreis der atopischen Erkrankungen.

In den Industrieländern nimmt die Neurodermitis seit mehreren Jahrzehnten kontinuierlich an Häufigkeit zu und ist mittlerweile eine der häufigsten kindlichen chronischen Erkrankungen überhaupt zu den Gründen dieses Anstiegs siehe (Stichwort "Allergien" in Gesundheit heute). Rechnet man ganz leichte Formen mit ein, so sind 15 % aller Kinder betroffen, ausgeprägte Formen plagen rund 2–4 % aller Kinder, im Erwachsenenalter sind nur noch 1 % betroffen.

In 85 % der Fälle fängt die Erkrankung bereits im ersten Lebensjahr an, bei der Hälfte dieser Kinder lassen die Symptome ab dem vierten Lebensjahr deutlich nach oder verschwinden ganz. Dennoch haben die meisten Betroffenen auch noch im Erwachsenenalter eine »Problemhaut«.

Leitbeschwerden

Bei Babys und Kleinkindern:

Neurodermitis Bläschen auf der Haut
Gerötete Haut bei Neurodermitis
Bei älteren Babys zeigt sich die Neurodermitis häufig durch Bläschen, Schuppen und Krusten auf geröteter Haut. Der starke Juckreiz quält die Kinder oft so sehr, dass sie sich die entzündeten Hautstellen blutig kratzen.
[li: TEP; re: RKL]
  • Unscharf begrenzte, gerötete, nässende Herde mit Bläschen, Schuppen und zum Teil Krusten
  • Beginn oft um den dritten Monat im Gesichtsbereich (Wangen), am behaarten Kopf und an den Streckseiten von Armen und Beinen
  • Häufig zusätzliche bakterielle Infektion der Herde mit Nässen und gelben Krusten

Bei älteren Kindern:

  • Unscharf begrenzte, bräunlich-rote Herde mit Knötchen und Schuppen
  • Herde jetzt charakteristischerweise an den Ellenbeugen, Kniekehlen und an den Hand- und Sprunggelenken sowie am Hals
  • Zunehmende Vergröberung der Hautfalten, trockener und »dicker« werdende Haut (»Elefantenhaut«)
  • Sog. weißer Dermographismus: Während die Haut bei einem Kratzer normalerweise mit einer strichförmigen Rötung reagiert, antwortet die Haut des Neurodermitikers innerhalb von etwa zehn Sekunden mit einer weißen Spur. Dies können Sie leicht überprüfen, wenn Sie z. B. mit einem Bleistift oder Schraubenzieher auf dem Rücken Ihres Kindes einen Strich ziehen. Eine solche Reaktion kommt jedoch auch bei 5 % der Kinder ohne Neurodermitis vor

In allen Altersgruppen

  • Oft quälender Juckreiz, vor allem nachts und nach Schwitzen. Dadurch Aufkratzen der Herde
  • Symmetrische Ausprägung der Hauterscheinungen

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen, wenn

  • Ihr Kind einen Ausschlag entwickelt, der zu einer Neurodermitis passen könnte.

Am nächsten Tag, wenn


Das Wichtigste aus der Medizin

Woher kommt die Neurodermitis?

Die Veranlagung zur Neurodermitis ist eindeutig erblich bedingt – darauf deuten etwa Familienstudien: Bei einem erkrankten Elternteil steigt das Erkrankungsrisiko für die Kinder auf 40 %, sind beide Eltern erkrankt, auf etwa 70 %. Auch Kinder von an Heuschnupfen oder Asthma erkrankten Eltern entwickeln häufiger eine Neurodermitis.

Dass die Neurodermitis seit etwa drei Jahrzehnten immer häufiger wird, ist jedoch nicht auf Erbfaktoren zurückzuführen. Vielmehr wird vermutet, dass das Immunsystem unserer Kinder durch die westliche Lebenskultur ungenügend »trainiert« wird. Warum ein Kind Neurodermitis bekommt, liegt also sowohl an erblichen Einflüssen als auch an bestimmten – meist unvermeidbaren – Lebensbedingungen in seiner frühen Kindheit.

Hat ein Kind die Veranlagung zur Neurodermitis, so bricht die Erkrankung dann aus, wenn das Kind bestimmten Auslösern begegnet. Diese bringen dann sozusagen die Lawine ins Rollen. Die Auslöser sind für jedes Kind individuell verschieden.

Häufige Auslöser bei Neurodermitis

  • Allergene, am häufigsten Ei, Milch, Nüsse, Fisch und Schokolade, seltener Weizen. Bei größeren Kindern auch Hausstaubmilben, Schimmelpilzsporen, Haut- und Haarschuppen von Haustieren und Pollen. Allergene spielen bei 50 % der schweren und 25 % der leichteren Formen eine Rolle
  • Infektionen, z. B. Erkältungen oder Grippe
  • Stress, etwa körperliche Erschöpfung (auch der wegen des Juckreizes vor dem Einschlafen entstehende Schlafmangel), Zahndurchbruch und seelische Belastungen
  • Reizstoffe, z. B. Schweiß, »kratzige« Kleidung (Wolle oder andere raue Fasern), Kosmetika, Waschmittel, Weichspüler, Tabakrauch, Lösungsmittel (etwa in Wandfarbe)
  • Reizstoffe in sauren und scharfen Lebensmitteln wie Tomaten, Erdbeeren, Zitrusfrüchten
  • Klimafaktoren

Auslöser: doppeltes Gesicht

Ob durch das konsequente Vermeiden von Auslösern die Entstehung einer Neurodermitis bei einem bisher nicht erkrankten Kind verhindert werden kann, wird heiß debattiert. Wahrscheinlich ist dies jedoch nicht möglich. So zeigen Vergleichsstudien, dass durch ein späteres Einführen der Beikost eine Neurodermitis nicht weniger wahrscheinlich wird. Auch die Vermeidung von Hausstaubmilben durch spezielle Matratzenbezüge hatte keinen Schutzeffekt.

Das Vermeiden bekannter Auslöser kann jedoch bei bereits an Neurodermitis erkrankten Kindern sehr wohl die Häufigkeit von Schüben vermindern und den Verlauf der Neurodermitis abschwächen!

Typisches vielfältiges Bild

Säugling mit Neurodermitis in der Ellenbeuge
Neurodermitis in der Ellenbeuge. Bei dem sechs Monate alten Baby ist die Neurodermitis in beiden Ellenbeugen an roten Herden deutlich zu erkennen, auch die seitlichen Halspartien sind zum Nacken hin betroffen. Das Gesicht des Kindes ist hingegen frei. Dieses Verteilungsmuster ist zwar eher typisch für das Kleinkindalter, doch das Bild zeigt, wie unterschiedlich die Neurodermitis im Einzelfall verlaufen kann.
[RKL]

Schon Neugeborene können durch eine trockene Haut auffallen und zeigen dann oft auch gerötete, nässende Stellen in den Hautfalten (Ellenbeuge und Kniebeuge). Klassischerweise beginnt die Neurodermitis aber etwa im 2.–4. Lebensmonat, und zwar am Kopf: Die Wangenhaut ist gerötet, schuppig, rau, einzelne Stellen können nässen. Auch die Stirn ist oft betroffen. Der behaarte Kopf kann jucken und von trockenen Schuppen überzogen sein. In schweren Fällen breitet sich der Ausschlag auf den übrigen Körper aus, wobei vor allem die Streckseiten der Arme und Beine (also die Seite, an der sich Ellenbogen bzw. Knie befinden) sowie die Waden betroffen sind. Der Windelbereich bleibt bei der Neurodermitis aber meist ausgespart.

Bei der Neurodermitis werden häufig schuppige, juckende Veränderungen der Kopfhautbeobachtet, die dabei oft auch entzündet aussieht und nässt (die Schuppen selbst sind zunächst trocken). Eine ähnliche Schuppung am Kopf tritt bei der seborrhoischen Säuglingsdermatitis auf, außerdem können bei dieser Hauterkrankung die Halsfalten, der Windelbereich und alle Gelenkbeugen mitsamt der Achseln befallen sein. Die Hautschuppen sind hier im Gegensatz zur Neurodermitis aber gelblich-fettig, der Juckreiz fehlt, und die Säuglinge sind nicht beeinträchtigt. Kompliziert wird die Lage dadurch, dass eine seborrhoische Säuglingsdermatitis manchmal einer Neurodermitis vorausgeht, so dass die Abgrenzung im Einzelfall schwierig ist.

Altersabhängiges Bild

Neurodermitis an verschiedenen Hautstellen
Die Neurodermitis bevorzugt in jedem Alter andere Hautstellen: Während beim Säugling vor allem das Gesicht und die Außenseiten von Armen und Beinen betroffen sind, hat das ältere Kleinkind den Ausschlag eher in den Gelenkbeugen. Bei Jugendlichen sind oft auch Hals und Brust betroffen.
[AMR]

Im späten Kleinkindalter – bei manchen früher, bei manchen später – verändert sich das Bild. Der Ausschlag nässt nicht mehr so sehr, und die Bläschen werden von Knötchen abgelöst. Bei vielen verschwindet der Hautausschlag, oder das Kind leidet nicht mehr sichtlich darunter. Die Haut wird trockener und erscheint verdickt, die Hautfalten sind vergröbert. Außerdem wandern die Erscheinungen von den Streck- zu den Beugeseiten, vor allem Kniekehlen, Ellenbeugen und Handgelenksinnenseiten sind nun betroffen.

Einen erneuten »Szenenwechsel« bringt die Pubertät: Auch hier bilden sich die Krankheitserscheinungen oft zurück, oder aber sie wechseln erneut die Stellen, es wird etwa der Hals oder eine andere Gesichtspartie befallen. Viele Erwachsene, die als Kinder eine Neurodermitis hatten, haben zwar nach wie vor eine trockene und erhöht pflegebedürftige Haut, die sie aber im Alltag bei etwas Vorsicht nur wenig einschränkt.

Besonders quälend: der Juckreiz

Am schlimmsten in allen Altergruppen ist der Juckreiz. Er ist oft so stark, dass sich die Kinder blutig kratzen: Der Schmerz ist leichter zu ertragen als der Juckreiz – wenn die Kratzstelle blutet, empfinden viele Kinder das sogar als Erleichterung. Die Kinder können sich tags nicht konzentrieren und nachts nicht schlafen. Die Müdigkeit verstärkt die juckreizbedingte Reizbarkeit noch.

Die aufgekratzten Stellen sind eine willkommene Eintrittspforte für Bakterien, die dann zu einer zusätzlichen bakteriellen Hautentzündung führen.

Zudem unterhält das Jucken die Neurodermitis. Denn die mechanische Reizung sorgt dafür, dass die Immunzellen der Haut ihre entzündlichen Botenstoffe freisetzen und dadurch den Immunprozess »anfeuern«. Neurodermitis ist also kein »Ausschlag, der juckt«, sondern ein »Juckreiz, der ausschlägt«!

Minimalformen

Ausgeprägte Formen der Neurodermitis sind ohne Mühe als solche erkennbar. Die Neurodermitis verläuft aber auch sehr häufig ohne gravierende Zeichen. Bei leichten Formen haben die Kinder nur eine trockene Haut, und erst wenn zusätzliche Hautbelastungen hinzukommen, wie etwa winterliche Kälte oder sehr häufiges Händewaschen, treten Beschwerden auf. Die Grenzen zum Normalen sind dabei fließend. So haben viele Säuglinge im Winter raue Backen, ohne dass sie gleich unter einer Neurodermitis leiden.

Dasselbe gilt für das Lippenleckekzem, das völlig normal oder aber eine Minimalform der Neurodermitis sein kann. Im Winter trocknen die Lippen des Kindes jahreszeitlich bedingt aus. Das Belecken der Lippen bringt zwar kurzzeitig Besserung, trocknet jedoch gleichzeitig Lippen und umgebende Haut noch mehr aus und verstärkt das Spannen und Jucken. Um sich selbst zu helfen, leckt das Kind immer wieder, bis schließlich die Haut um den Mund rot und entzündet und noch leichter reizbar ist.

Auch die häufigen »Faulecken« (= Perlèche), d. h. rote, nässende, krustenbildende Herde an den Mundwinkeln, Ohrläppchen sowie in den Finger- oder Zehenspalten könnten minimale Zeichen einer Neurodermitis sein.

Ähnliches gilt für das atopische Handekzem, bei dem länger dauernde leichte Hautreizungen, z. B. durch häufigen Wasserkontakt oder Klimafaktoren, kleine Bläschen oder eine Schuppung an den Handflächen und den Seitenflächen der Finger auslösen. Auch ständig trockene, schuppende Haut an den Fingerkuppen kann eine Minimalform der Neurodermitis sein.

Was den Händen recht ist, ist den Füßen billig: Nicht wenige kindliche Fußekzeme sind als Ausdruck einer Neurodermitis zu betrachten. Begünstigt werden die Erscheinungen durch luftundurchlässiges Schuhwerk wie die derzeit modischen Turnschuhe oder auch Winterstiefel – daher auch der Name atopische Winterfüße.

Nicht selten: zusätzlich andere atopische Erkrankungen

Wie bereits erwähnt, gehört die Neurodermitis zu den atopischen Erkrankungen. Das Kind hat also nicht nur die Veranlagung zur Neurodermitis geerbt, sondern die für die gesamte Krankheitsgruppe.

So erklärt es sich, dass 30 % der Kinder mit einer Neurodermitis später einen allergischen Schnupfen oder ein allergisches Asthma entwickeln.

Komplikationen

Die vorgeschädigte Haut eines Kindes mit Neurodermitis ist außerdem anfälliger für Hautinfektionen, sowohl durch Bakterien als auch durch Viren oder Pilze:

  • Bei den bakteriellen Infektionen sind diejenigen durch Staphylokokken besonders häufig, insbesondere an aufgekratzten Hautstellen. Sie verschlimmern dann in einem Teufelskreis die Neurodermitis (Genaueres siehe unten).
  • Während die erste Infektion mit dem Herpes-simplex-Virus bei fast allen Kindern unbemerkt verläuft, kann sich bei Kindern mit Neurodermitis die Haut mit dem Virus infizieren – es entsteht ein schweres Krankheitsbild mit hohem Fieber und Hautbläschen, das im Krankenhaus behandelt werden muss (herpetisiertes Ekzem oder Eczema herpeticatum). Leider können auch wiederholte Hautinfektionen mit diesem Virus vorkommen.

Häufiges Problem: Hautinfektionen

Die Haut eines Neurodermitiskindes kann sich schlecht gegen eindringende Bakterien wehren – der Säureschutzmantel fehlt, und offene Stellen bzw. Kratzspuren sind ideale Einstiegsstellen für Hautkeime. Die meisten Kinder mit Neurodermitis leiden deshalb von Zeit zu Zeit an Hautinfektionen, auch wenn die Haut optimal gepflegt wird.

Für eine Hautinfektion spricht:

  • Die Haut ist röter und wunder, sie fühlt sich warm an.
  • Es entwickeln sich Bläschen, die eine klare, gelbliche Flüssigkeit absondern und später verkrusten. Manchmal entsteht auch ein unangenehmer Geruch.

Neurodermitis: Was im Körper abläuft

Welche Vorgänge bei der Neurodermitis genau im Körper ablaufen, ist bis heute nicht in allen Einzelheiten geklärt. Einige Puzzleteile konnten die Wissenschaftler aber zusammentragen:

  • Es gibt bei der Neurodermitis Auffälligkeiten im Immunsystem. Zu erwähnen sind insbesondere ein geändertes Verhalten bestimmter Abwehrzellen (der T-Lymphozyten) und ein erhöhter Spiegel an IgE im Blut.
  • Diese Auffälligkeiten fallen jedoch nicht in das normale Raster einer »Allergie« und sind auch anders als bei den anderen »allergischen« (= atopischen) Erkrankungen wie etwa Heuschnupfen oder allergischem Asthma. Forscher der Immunologie stellen immer wieder fest, dass die Neurodermitis in mancher Hinsicht eher Ähnlichkeit mit der Psoriasis oder sogar mit Autoimmunerkrankungen hat. Insofern ist die Neurodermitis sicherlich mehr als nur eine »bloße Allergie«. Verwirrend dabei: Bei vielen Kindern wird die Neurodermitis von typischen allergischen Erkrankungen begleitet, wie Heuschnupfen, Lebensmittelallergien oder Asthma, und gerade die Lebensmittelallergien können die Krankheit verschlimmern – ein selbst für Forscher kompliziertes Gemenge!
  • Diesen Erkenntnissen der Forscher entspricht auch die Beobachtung vieler Eltern, dass das Immunsystem von Neurodermitikern anders »tickt«: So reagiert das Kind öfters mit Ausschlägen, wenn nach dem Abstillen neue Nahrungsmittel eingeführt werden, auch wenn später gar keine Allergie nachgewiesen werden kann, oder es treten gehäuft Hautausschläge nach Impfungen auf. Am ehesten könnte man vielleicht sagen, dass bei einem Kind mit Neurodermitis das Immunsystem insgesamt eine geringere »Entzündungsschwelle« hat.
  • Bei der Neurodermitis ist aber nicht nur das Immunsystem verändert. Auch eine andere Zusammensetzung der Fettsäuren wird beobachtet, und zwar im Blut, dem Fettgewebe und der Haut.
  • Zudem ist die Haut insgesamt in ihrer Barrierefunktion gestört, d. h. sie kann ihre Schutzfunktion schlechter ausüben. So ist z. B. der normale Säureschutzmantel der Haut beeinträchtigt, und die Haut ist durch eine Unterfunktion der Talgdrüsen (Sebostase) und der Schweißdrüsen (Hypohidrose) trockener, empfindlicher und reizbarer als beim Gesunden und juckt leicht.
  • Auch das vegetative (d. h. das nicht bewusst kontrollierte) Nervensystem reagiert anders. Beispielsweise reagieren die Blutgefäße auf Kälte mit einer stärkeren Verengung als normal (erkennbar an kalten Händen). Neurodermitiskinder schwitzen auch oft auffällig wenig oder auffällig stark.
  • Dass die Neurodermitis mehr ist als nur eine Hautkrankheit, zeigen auch die häufig zu beobachtenden Ernährungsprobleme, die möglicherweise durch Störungen im Magen-Darm-Bereich bedingt sind – nach Ansicht einiger Selbsthilfegruppen ist der Darm sogar das zentral betroffene Organ und der Hautbefall lediglich Ausdruck einer komplexen Störung im Magen-Darm-System. Bekannt ist auch, dass Neurodermitiker häufiger einen grauen Star entwickeln als andere Menschen.
  • Und ganz falsch ist auch nicht, wenn viele – nicht nur Ärzte – Neurodermitiker als »dünnhäutige« Seelen beschreiben. Zu viel Nähe oder etwa falsch platzierte Zärtlichkeiten der Großmutter auf Familienbesuch können Wutausfälle auslösen. Ob ein Charakterzug der Erkrankung selbst oder ob »nur« eine ihrer Folgeerscheinungen: Neurodermitiskinder scheinen leichter als andere aus dem Gleichgewicht zu geraten, und sie stecken vieles schwerer weg.
  • Widerlegt ist jedoch (auch wenn viele Therapeuten es immer noch verbreiten), dass Kinder mit Neurodermitis ursächlich psychische Probleme hätten, etwa mit den Eltern oder in der Familie, die sich »Ã¼ber die Haut« äußern. Allerdings: Psychische Belastungen können als Folge der Hauterkrankung auftreten, und größere psychische Belastungen verstärken das Krankheitsbild zumeist.

Die Neurodermitis ist damit weder eine »Nervenerkrankung« (wie ihr Name suggeriert) noch eine psychosomatische Erkrankung. Aber was genau sie ist, das ist noch immer Stoff für die Forschung.


Das macht der Arzt

Für die Diagnose

Faktoren für Neurodermitis
Die Wissenschaft geht von vielfältigen Faktoren aus, welche die Ausprägung einer Neurodermitis beim Kind bestimmen.
[GRA; Foto: ASL]

Oft kann der Arzt die Diagnose einer Neurodermitis allein anhand der typischen Hautveränderungen stellen. Bei Zweifeln sprechen das Vorhandensein von Neurodermitis oder anderer atopischer Erkrankungen in der Familie oder das Bestehen bestimmter, an sich bedeutungsloser Auffälligkeiten im Gesicht für eine Neurodermitis, wie etwa eine doppelte Lidfalte am Unterlid, zur Schläfe hin ausgedünnte Augenbrauen, ein tiefer Haaransatz, kleine Hautrisse am Ohrläppchenansatz oder auch charakteristische »Schatten« unter den Augen.

Zweiter Schritt in der Diagnostik ist das Herausfinden der Auslöser (= Provokationsfaktoren), d. h. solcher Einflüsse, welche die Erkrankung verschlimmern bzw. neue Schübe auslösen. Während einige der Auslöser bei allen Neurodermitiskindern eine Rolle spielen (vor allem Reizstoffe und Infektionen), betreffen manche Auslöser nur besonders veranlagte Kinder. Dies gilt insbesondere für die Allergene. Dazu muss sich der Kinderarzt ein wenig Zeit nehmen, um sorgfältig zu erfragen, welche Faktoren die Symptome verschlimmern.

Bei entsprechendem Verdacht (etwa Verschlimmerung der Haut nach Kontakt mit Katzen) macht der Arzt deshalb Allergietests.

Allergietests – nicht ins Blaue hinein

Eine Allergietestung »ins Blaue hinein«, also ohne entsprechenden Anfangsverdacht, ist jedoch wenig hilfreich – viele Kinder mit oder ohne Neurodermitis zeigen im Test eine allergische Reaktion, die aber »im echten Leben« keine Rolle spielt. Nach dem Motto »Endlich haben wir etwas gefunden« wird dann oft unnötigerweise die Ernährung oder die Umwelt des Kindes umgestellt, und die Neurodermitis nimmt davon unbeeindruckt ihren Lauf.

Auch weiß man, dass bei Neurodermitikern Allergietests häufig falsch-positiv ausfallen, d. h. die Tests bejahen eine bestimmte Allergie, die aber gar nicht tatsächlich besteht oder die zumindest die Gesundheit im täglichen Leben nicht beeinträchtigt.


Ganzheitliche Behandlung

Entsprechend den zahlreichen Einflussfaktoren einer Neurodermitis setzt auch ihre Behandlung heute immer an mehreren Stellen an. Schulmedizin, Selbsthilfe und Naturheilkunde sind dabei kaum zu trennen.

Die Behandlung ausgeprägter Neurodermitisformen ist schwierig – nicht wenige Eltern und Kinder können ein leidvolles Lied davon singen. Das »Patentrezept« gibt es dabei nicht, weder was die Hautpflege noch was die weiteren Einflussfaktoren angeht. Schon gesunde Menschen haben die unterschiedlichsten »Hauttypen«, und dies gilt auch bei Neurodermitiskindern. Nichtdestotrotz: Lassen Sie sich und Ihr Kind nicht entmutigen. Werden die verschiedenen Behandlungsansätze konsequent über längere Zeit verfolgt, sind oft gute Erfolge zu erzielen.

Dogmen vermeiden

Die Neurodermitis ist nicht einfach zu behandeln. Was für Isabelle Wunder wirkt, tut bei Nicole womöglich gar nichts – oder macht die Haut schlimmer. Geben Sie deshalb auch »Versuch und Irrtum« seinen Raum. Dogmatische Ansätze (z. B. »nur diese Diät« oder »grundsätzlich kein Kortison«) sind kontraproduktiv.

Unsere Erfahrung: Erschreckend viele Kinder leiden tagtäglich unter einer schlecht kontrollierten Neurodermitis, weil ihre Eltern sich auf bestimmte Glaubenssätze festgelegt haben.

Die Grundlage: Basisbehandlung

Die Haut eines Kindes mit Neurodermitis ist immer trocken und reizbar, selbst wenn gerade nicht viel zu sehen ist. Die wohl wichtigste Säule der Neurodermitisbehandlung ist daher die Basisbehandlung der Haut mit rückfettenden Produkten.

Allergie-Behandlung?

Zu den wichtigsten durch den Arzt behandelbaren Auslösern gehören die Allergien. Ist eine Allergie bei einem Kind als auslösender oder verstärkenden Faktor bekannt, so wird diese entsprechend der im Abschnitt "Allergie" dargestellten Grundsätze angegangen.

UV-Licht

Eine Phototherapie, d. h. eine Bestrahlung mit UV-Licht, kann die Haut beruhigen, sie wird bei Kindern unter zwölf Jahren wegen ihrer möglichen Langzeitfolgen für die Haut jedoch möglichst vermieden.

Behandlung bei Verschlechterungen

Bei Verschlechterungen des Hautzustandes (»Neurodermitis-Schub«) ist die Basisbehandlung nicht mehr ausreichend. Hier muss vor allem die Entzündung rasch unter Kontrolle gebracht werden. Dazu dienen Kortisoncremes sowie neuerdings die sog. topischen Immunmodulatoren (siehe unten). Außerdem wird der Juckreiz behandelt und eine eventuelle Hautinfektion bekämpft.

Entzündungshemmende Medikamente:

  • Kortisoncremes (etwa Alfason® oder Dermatop®) unterdrücken sehr wirkungsvoll die Entzündung, ihre Nebenwirkungen werden oft überschätzt. Die Haut wird bei regelmäßiger, längerer Anwendung dünner und leichter verletzbar. Die Cremes werden deshalb über einen befristeten Zeitraum gegeben und dann langsam abgesetzt (z. B. zunächst jeden Tag, dann jeden zweiten Tag, dann zweimal die Woche und schließlich einmal die Woche). Die einmal wöchentliche Gabe einer Kortisoncreme ist im Vergleich zu häufigen Verschlechterungen das geringere Übel! Kortisoncremes werden nur auf die »außer Kontrolle geratenen« Hautpartien aufgetragen, und zwar am besten nach einem Bad, da die feuchte Haut die Wirkstoffe besser aufnimmt.
  • Kortisonpräparate zum Schlucken kommen nur bei sehr ausgeprägten Bildern und nur kurzzeitig zum Einsatz. Auch das Immunsuppressivum Cyclosporin wird nur bei extrem schweren Formen für höchstens ein halbes Jahr gegeben.
  • Die neueren topischen Immunmodulatoren Tacrolimus (Protopic®) und Pimecrolimus (Elidel®, Douglan®) zum Auftragen auf die Haut wirken vornehmlich auf die erwähnten T-Lymphozyten und damit gezielter als Kortison und seine Abkömmlinge. Die Salben werden recht gut vertragen – Brennen und Jucken nach dem Auftragen können aber vorkommen. Allerdings: Langzeiterfahrungen stehen noch aus, und wegen des Auftretens einzelner Fälle von Hautkrebs stehen die Substanzen derzeit unter genauer Beobachtung. Bis es hier mehr Sicherheit gibt, sollten die Präparate nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden, etwa wenn Kortisonpräparate nicht greifen. Kleinkinder sollten nach derzeitigem Kenntnisstand am besten gar nicht mit topischen Immunmodulatoren behandelt werden.
  • Vergleichsweise schwächer wirken Bufexamac (z. B. Parfenac®) und Natriumbituminosulfonat (z. B. Ichthyol®), die beide auf die Haut aufgetragen werden können. Allerdings treten Allergien gegen diese Substanzen verhältnismäßig häufig auf, und das Präparat muss dann abgesetzt werden.

Medikamente gegen den Juckreiz:

Plagt der Juckreiz das Kind zu arg, können vor allem abends Antihistaminika zum Schlucken gegeben werden. Sie lindern den Juckreiz und machen teilweise etwas müde, was zur Nacht durchaus erwünscht sein kann. Gegen den Juckreiz wirkt z. B. auch Polidocanol, das auch als Zusatz zum Ölbad erhältlich ist (z. B. Balneum Hermal® Plus). Bei vielen Kindern ist aber die zugelassene Dosis nicht ausreichend, um den Juckreiz zu unterdrücken.

Medikamente gegen die Hautinfektionen:

Infizierte Haut sollte möglichst rasch behandelt werden, da sie stark juckt und so ein Teufelskreis aus Jucken, Kratzen und Infektion entsteht. Der Arzt wählt bestimmte antibiotische Salben, bei stärkeren Infektionen auch Tabletten. Die Antibiotika müssen mindestens so lange genommen werden, bis die Haut völlig ausgeheilt ist. Antibiotische Salben können gleichzeitig mit den anderen Hautmedikamenten aufgetragen werden.


Tipps zur Basispflege

Die Basispflege soll die Schutzfunktion der Haut verbessern und ihre Anfälligkeit gegenüber Reizen vermindern. Was die Haut selbst nicht schafft, muss bei der Neurodermitis von außen unterstützt werden!

Von den verschiedenen Herstellern sind dabei zig Präparate mit unterschiedlichem Fettgehalt auf dem Markt, oftmals am Zusatz »Basis« erkennbar (z. B. Eucerin c. aqua®, Dermatop® Basiscreme, Laceran®, Decoderm® Basiscreme). Lotionen enthalten viel Wasser und können die Haut wegen der nachfolgenden Verdunstung austrocknen. Sie werden deshalb nur an nässenden Hautpartien eingesetzt, wenn Fettsalben nicht haften. Alternativ kommen auf nässenden Stellen Gel-Präparate zum Einsatz; sie können die Haut aber wegen des Gehalts an Propylenglykol austrocknen. Cremes werden gut vertragen, da sie die Schweißdrüsen nicht verstopfen, versorgen die Haut aber mit weniger Feuchtigkeit als Salben. Letztere verschließen die Haut gut und halten die Feuchtigkeit am besten in der Haut, werden aber im Sommer oft nicht gut vertragen.

Zur Basisbehandlung gehören außerdem rückfettende Ölbäder (z. B. Balmandol®). Da die meisten Kinder jenseits des Neugeborenenalters gerne baden, bereitet ihre Durchführung in aller Regel keine Probleme. Nach dem Ölbad wird das Basisprodukt auf die feuchte, aber nicht nasse (abgetupfte) Haut aufgetragen.

  • Das Kind wird mindestens 2-mal, besser 3- bis 4-mal am Tag mit dem Basisprodukt eingecremt. Ältere Kinder ab 4–5 Jahren sollen dies zunehmend selbst übernehmen, damit sie aktiv werden können im Umgang mit ihrer Krankheit und von der Opferrolle loskommen (»Meine Haut quält mich, und ihr Eltern sagt mir immer, was ich nicht essen darf«). Ganz wesentlich ist es, die Behandlung auch dann durchzuhalten, wenn die Haut »relativ gut« ist.
  • Es muss nicht immer das neueste oder teuerste Präparat sein: Viele Eltern haben z. B. vor allem bei Babys mit Olivenöl gute Erfahrungen gemacht, das entweder pur oder mit Milch gemischt eingerieben wird.
  • Bei sehr trockener Haut und im Winter sind eher fette Salben zu bevorzugen, bei feuchter Haut und im Sommer eher feuchte Cremes.
  • Zu fette Salben allerdings führen zu Schwitzen und können dadurch vor allem bei kleineren Kindern den Hautzustand verschlechtern.
  • Immer steht die individuelle Verträglichkeit im Vordergrund. Wenn ein Kind also mit einem Produkt gut zurechtkommt, obwohl vielleicht ein anderes besser geeignet wäre, wechselt man das Produkt nicht.
  • Sinnvoll ist es, immer mehrere Produkte mit unterschiedlichem Fettgehalt im Haus zu haben, die Ihr Kind gut verträgt. Dann können Sie die Hautpflege dem jeweiligen Hautzustand anpassen.
  • Außer bei stabilem Hautzustand profitieren die meisten Neurodermitiskinder davon, die Hautpflegeprodukte ab und zu zu wechseln – immer wieder beobachten Eltern, dass »neue Besen erst mal gut kehren«. Und fragen Sie Ihr Kind, was ihm gut tut – die meisten können schon mit drei Jahren recht sorgfältig Auskunft geben, was sie mögen.
  • Gerade viele ältere Kinder mögen im Gesicht über Tag keine allzu fettigen Präparate, weshalb hier manchmal Kompromisse nötig sein können.
  • Insbesondere bei sehr trockener, »dicker« Haut kann ein Basispflegeprodukt mit Harnstoffzusatz sinnvoll sein. Lehnt das Kind diese aber ab (Harnstoff kann zu Beginn brennen und sollte aus diesem Grund auch grundsätzlich nie auf akut entzündete Stellen aufgetragen werden), so ist es oft sinnvoller, auf Machtkämpfe zu verzichten.

Pflanzliche Zusätze sind skeptisch zu beurteilen. Die Kamille beispielsweise wirkt antientzündlich, kann aber die Haut reizen. Keinesfalls sollten Sie ein gut verträgliches Basisprodukt wechseln, nur weil jemand anders Ihnen über gute Erfahrungen mit Pflanzenzusätzen berichtet.

Bestimmte Omega-6-Fettsäuren (z. B. die Gamma-Linolensäure aus der Nachtkerze) als Zusatz verstärken die rückfettende Wirkung und haben evtl. entzündungshemmende Eigenschaften, sie werden aber nicht von allen Kindern vertragen.


So helfen Sie Ihrem Kind

Das Wichtigste: Ihr Kind als Partner

Die Neurodermititis in den Griff zu bekommen, gleicht oft einem Kampf gegen Windmühlen – und das Wichtigste ist, dass Ihr Kind nicht zwischen die Flügel gerät (siehe auch »Aus Elternsicht«)

Weiteres zur Hautpflege

Nicht nur die Wahl des Basispräparates, sondern auch die übrige Hautpflege ist bei Kindern mit einer Neurodermitis entscheidend. Dreh- und Angelpunkt ist wiederum die zu trockene Haut und dementsprechend das Meiden aller Einflüsse, welche der Haut zusätzlich Wasser entziehen:

  • Das Kind sollte nur selten baden, und wenn, dann genügen 5–10 Minuten. Das gilt auch für Babys: Die Vorstellung beispielsweise, dass ein Baby täglich gebadet werden muss, ist überholt – einmal in der Woche reicht. Dabei sind zwei Minuten im Waschbecken ausreichend. Warmes oder lauwarmes Wasser ist für die Haut besser als heißes, Letzteres trocknet die Haut besonders aus. Nach jeder Dusche bzw. jedem Bad wird die Haut sorgfältig eingecremt, um die Feuchtigkeit in der Haut »einzuschließen«: Die Haut also nicht »abrubbeln«, sondern abtupfen, und dann die Basispflege auf die noch leicht feuchte Haut auftragen.
  • Auf Schaumbadezusätze oder Seife sollten Sie ganz verzichten, da sie der Haut ihre natürlichen Fette entzieht. Verwenden Sie lieber rückfettende Waschzusätze.
  • Auch um Parfumzusätze in Hautpflegeprodukten sollten Sie wegen des Allergierisikos einen Bogen machen.

Händewaschen

Neurodermitiskind wird im Waschbecken gebadet
»Vollbad im Waschbecken«, wie es für Neurodermitiskinder zweckmäßig ist. Allzu viel Wasserkontakt schadet eher, und hier ist in zwei Minuten alles getan: Die eine Hand umgreift den Nacken und stützt dabei den Kopf, und die andere Hand reinigt Achselhöhlen, Hals und das Genital.
[ASL]

Beim Händewaschen soll das Kind die Seifenreste sorgfältig abwaschen, da Seife die Haut stark angreift, und dann die Hände gleich eincremen. Sind die Handflächen stärker befallen, sollte nur an Stellen großer Verschmutzung Flüssigseife eingesetzt werden. Es ist auch sinnvoll, die Hände vorher einzucremen, wenn’s in den Sandkasten oder an hautangreifende Basteleien geht: Dann haften Sand- und Tonpartikel oder Klebstoffreste nicht so stark an den Händen und lassen sich viel leichter entfernen.

Schwimmen und Baden

Gechlortes Schwimmbadwasser ist schlecht für die Neurodermitishaut. In jedem Fall gilt es, nach dem Verlassen des Bades gründlich zu duschen. Hat Ihr Kind größere offene Stellen, so sollte das Hallen- oder Freibad tabu sein (im Sommer lieber an einen Badesee fahren).

Haarpflege

Die Haare werden mit einem milden Shampoo gewaschen, und zwar am besten über dem Waschbecken und nicht in der Wanne, um zu verhindern, dass die gesamte Haut das Shampoo abbekommt. Einmal in der Woche reicht meistens. Sind die Haare so lang geworden, dass die Haarspitzen den Nacken oder andere juckreizgefährdete Stellen berühren, sollten Sie darauf achten, dass hier keine neuen Herde entstehen (und im Zweifelsfall die Haare kürzen oder das Kind entsprechend frisieren).

Sport

Bewegung ist für jedes Kind sinnvoll. Neurodermitiskindern tut sie dreifach gut. Sie stimuliert das Schwitzen (wovon die Haut profitiert), verbessert die Schlafqualität, weil sie durch die stärkere Ermüdung die schlimme Einschlafphase abkürzt, und hat zudem weitere positive Effekte auf das Immunsystem (siehe Die vier Säulen der Gesundheit).

Aber nicht jeder Sport ist gleich empfehlenswert – Schwitzen ist zwar gut, der Effekt wird aber zunichte gemacht, wenn der Schweiß nicht verdunstet, sondern auf der Haut kleben bleibt und den Juckreiz verstärkt. Und Sportarten mit viel Körperkontakt verbieten sich von selbst. Deshalb sind Judo oder Geräteturnen weniger geeignet, Fußball, Leichtathletik oder andere Sportarten an der frischen Luft besser.

Raumklima

Juckattacken und Kratzattacken bei Neurodermitis
Für Kind und Eltern gleichermaßen belastend: eine Juck- bzw. Kratzattacke. Auch verständnisvolles Zureden oder Festhalten kann oft nicht verhindern, dass sich das Kind kratzt, oft sogar bis es blutet.
[ADM]

Die meisten Kinder mit Neurodermitis bevorzugen eher kühle Räume. Die Luft sollte dabei nicht zu trocken sein (Luftfeuchtigkeit über 50 %). Große Zimmerpflanzen können die Luftfeuchtigkeit erhöhen, die früher üblichen Verdunstergefäße sind hingegen nutzlos, wenn sie nicht im Zehnerpack aufgestellt werden.

Zigarettenrauch gehört grundsätzlich nicht in die Wohnung.

Stress

Ein häufiger Auslöser für Verschlechterungen der Haut ist Stress. Dann können bei älteren Kindern Entspannungsübungen helfen. Solche Kurse etwa im Autogenen Training bieten Volkshochschule oder Krankenkassen in größeren Städten speziell für Kinder an. Ob die oft empfohlene Psychotherapie bei der Krankheitsbewältigung hilft, hängt vom Einzelfall (und vom Therapeuten) ab. In jedem Fall wichtig ist es, dass sich Ihr Kind wegen seiner Hauterkrankung nicht isoliert – auch nicht innerhalb der Familie.

Achten Sie deshalb auf die richtige Balance im Familienkreis: Nicht selten entwickeln Geschwisterkinder Aggressionen wegen der ständigen »Extrawürste« des neurodermitischen Geschwisters. Helfen Sie deshalb allen Familienmitgliedern – und natürlich Ihrem betroffenen Kind auch –, die Krankheit verstehen zu lernen. Ermutigen Sie Ihr Kind zu Kontakten mit anderen Kindern und verhelfen Sie ihm zu Erfolgserlebnissen.

Winter

Die meisten Neurodermitiker haben im Winter größere Probleme als im Sommer. Daran sind die vielen Kleiderschichten, die oft trockene Luft in geheizten Räumen, aber auch die Kälte draußen schuld. Auch frieren viele Neurodermitiskinder stark. Da ist guter Rat teuer: Lassen Sie Ihr Kind Winterbekleidung am besten schichtweise ablegen, wenn es im Warmen ist. Drücken Sie auch ein Auge zu, wenn Ihr größeres Kind sich Ihrer Meinung nach »viel zu leicht« oder »viel zu dick« angezogen hat, an einem Schnupfen geht die Welt nicht zu Grunde. Und bestehen Sie trotz alledem auf ausreichend Bewegung draußen.

Kleidung und Schuhe

Viele Kinder mit Neurodermitis reagieren ausgeprägt auf die verschiedenen Kleidungsmaterialien. Erfahrungsgemäß verschlechtert Wolle oder Leinen den Hautzustand – Ihr Kind wird aber auch von sich aus alles, was kratzt, ablehnen. Unabhängig vom Material sollte die Kleidung nicht zu eng sein und nicht scheuern, da dies die empfindliche Haut reizt (also Kleidung mit rauen Innennähten oder Besatzbändern vermeiden). Da das Kind unter der Kleidung nicht schwitzen sollte, empfehlen sich gerade in der Übergangszeit mehrere »Lagen«, die je nach Bedarf an- und wieder ausgezogen werden können.

Ebenfalls ungünstig ist Kleidung aus Synthetik (Polyester, Nylon, Acryl), da sie das Schwitzen fördert und der Schweiß auf der Haut bleibt. Günstig sind Baumwolle sowie Seide oder Mischgewebe. Von der Verarbeitung her sind glatte, weiche Stoffe gegenüber groben, rauen zu bevorzugen. Letztendlich hilft aber auch hier nur Ausprobieren.

Neue Kleidungsstücke grundsätzlich vor dem Tragen waschen, das macht sie weicher und entfernt die bei der Herstellung verwendeten Chemikalien. Beim Waschen verzichten Sie am besten auf Weichspüler und nehmen nur Waschmittel ohne Farbstoffe und ohne Parfum. Die Wäsche dabei am besten zweimal durch den Spülgang schicken, um Waschmittelreste zu entfernen.

Für Schuhe gilt Ähnliches. Gummistiefel sind ungünstig, da sich in ihnen Wärme und Feuchtigkeit stauen. Am besten sind Lederschuhe oder weiche Sandalen. Im Sommer sollten geschlossene Schuhe nur bei Regen getragen werden.

Diät – ja oder nein?

Hier lässt sich wenig verallgemeinern: Leidet Ihr Kind an einer Allergie, so müssen Sie das Lebensmittel meiden. Das ist einfach. Die Erfahrung zeigt aber, dass, auch wenn keine Allergie vorliegt, die übliche Batterie heutiger »Kinderkost«, von Mandarinen über Himbeereis und Milchschnitte bis zum Fruchtzwerg, der Haut eher schadet. Besonders »potente« Juckreizverstärker sind dabei Zitrusfrüchte, Schokolade, Nüsse, Tomaten und Fruchtsäfte.

Viele Eltern würden auf dieser Liste auch noch alle anderen Süßigkeiten wie Kaugummis oder Gummibärchen, Eiscremes sowie Gewürze aufführen. Ob dies an den enthaltenen Fruchtsäuren oder an den vielen Reiz-, Fremd-, Hilfs- und Konservierungsstoffen oder anderen Faktoren liegt, ist unbekannt.

Die meisten Neurodermitiker haben zumindest zeitweise Probleme mit der »normalen« Ernährung, darauf muss man Rücksicht nehmen. Als Grundsatz gilt: Weniger (an Vielfalt) ist mehr (an Hautwohlbefinden)! Andererseits gilt aber auch: Ein Lebensmittel, auf das Ihr Neurodermitiskind heute erkennbar negativ reagiert, kann möglicherweise in zwölf Monaten mühelos vertragen werden.

Stillen und Zufüttern

Schon hautgesunde Säuglinge reagieren auf das Beifüttern oft mit Hautreizungen. Bei Neurodermitissäuglingen ist dieses Problem noch potenziert. Auf neu eingeführte Nahrungsmittel reagieren sie mit einer Verschlimmerung der Haut.

Lassen Sie sich aber nicht zu früh ins Boxhorn jagen: Oft normalisiert sich die Haut nach ein paar Tagen wieder von selbst. Bleiben Sie deshalb bei dem neu eingeführten Nahrungsmittel – verringern Sie lediglich die Menge und entscheiden erst nach 1–2 Wochen, ob das Nahrungsmittel dem Kind gut tut oder nicht.

Gemüse – ein guter Anfang. In jedem Fall sind Milch- oder Sojamilchprodukte als Anfangslebensmittel zu meiden. Besser sind Gemüse. Zu Beginn und als Hauptnahrungsmittel für die ersten sechs Monate nach der Stillperiode bieten sich etwa Kartoffeln als Basis an. Allergien gegen Kartoffeln sind sehr selten, Kartoffelbreie werden meist gerne gemocht und machen der Haut keine Probleme. Durch diese Gemüsebasis kann auf die teuren »hypoallergenen« Milchprodukte (HA-Milchen) sogar oft verzichtet werden.

Rezept Kartoffelbrei. Empfehlenswert ist etwa folgender Kartoffelbrei: Kartoffeln schälen und klein schneiden, dann lange kochen lassen, so dass sie fast zerfallen und dabei viel Wasser aufnehmen. Dann pro Pfund Brei einen Esslöffel eines Distel- oder anderen hochwertigen Öls dazugeben und eine Prise Salz, anschließend fein pürieren und so lange weiteres Wasser zugeben, bis sich eine halbflüssige Konsistenz ähnlich einem Rührkuchenteig ergibt. Dieser »angereicherte« Kartoffelbrei lässt sich bequem acht Tage im Kühlschrank und noch viel länger in der Tiefkühltruhe lagern und kann dann portionsweise verbraucht werden. Hat sich das Kind an den Brei gewöhnt, kann als Nächstes ein Kartoffel-Möhren-Gemisch zu Brei verarbeitet und noch ein paar Wochen später Hackfleisch hinzugegeben werden.

Das erste Obst. Als erstes Obst empfehlen sich Bananen, weil sie keine Säure enthalten und sehr mineralstoff- und vitaminreich sind. Mit allen weiteren Obstsorten sollte man warten.

Speisezettel langsam erweitern

Kann ein »normales« Kind mit 12 Monaten im Prinzip alles mitessen, was Erwachsene zu sich nehmen, sollte man einem Neurodermitiskind 6–12 Monate mehr Zeit dafür gönnen. Folgende Lebensmittel sollten besonders spät auf den Speisezettel kommen: Kuhmilch, Soja, Eier, Schokolade, Fisch und Nüsse, evtl. auch Brot und andere Produkte mit Weizenmehl.

Diese Nahrungsmittel sollten erst gefüttert werden, wenn die Neurodermitis abgeklungen ist oder das Kind zwei Jahre alt ist. Das Immunsystem reagiert in diesem Alter weitaus weniger gegen Nahrungsmittel.

Der langsame Nahrungsaufbau zielt vor allem darauf, der empfindlichen Haut in dem für die meisten Neurodermitiskinder kritischen zweiten Lebensjahr viel Ruhe zu gönnen. Ob diese Strategie das Fortschreiten der Erkrankung verhindern kann, ist bisher nicht bewiesen (aber auch nicht widerlegt).

Abzulehnen sind Radikaldiäten jeglicher Couleur, bei dem ganze Lebensmittelgattungen wie Fleisch vom Speisezettel verschwinden: Bei fast jeder Diät zeigt sich am Anfang eine kurzfristige Besserung, dies ist jedoch kein Beweis für eine Nahrungsmittelallergie (eher schon dafür, dass das Immunsystem durch ein Weniger an Nahrungsmitteln zunächst einmal »aufatmet«)! Und der Preis im Hinblick auf das Ausschließen des Kindes vom normalen Sozialverhalten – etwa bei Kindergeburtstagen oder auch nur im Kindergarten – ist hoch, von Mangelerscheinungen ganz zu schweigen.

Verhältnismäßigkeit der Mittel

Auch bei der Ernährung des an Neurodermitis erkrankten Kindes gilt: Die Wahl der Mittel sollte sich immer nach der Stärke der Erkrankung richten! Die meisten Formen der Neurodermitis sind leicht. Tief greifende Ernährungsumstellungen, die bei einem schwer betroffenen Säugling einen Versuch wert sein können, sind bei einem lediglich durch ein Wangenekzem betroffenen Säugling fragwürdig.

Ein großes Problem: der Juckreiz

Neurodermitisoverall mit Handschuhen
Kann vor allem bei Kindern mit nächtlichem Juckreiz sinnvoll sein: der Neurodermitis-Overall mit eingearbeiteten Handschuhen.
[LRA]

Viele Kinder kratzen sich, wenn sie sich langweilen oder bei bestimmten Beschäftigungen, etwa beim Fernsehen. Hier kann es helfen, die Fingernägel immer möglichst kurz zu halten (die Nagelränder dabei sehr glatt feilen) und die Haut möglichst weitgehend abzudecken, etwa durch ein langärmeliges Hemd und lange Hosen.

Das Problem vieler Kinder ist aber der Juckreiz nachts – die Nacht entscheidet oft, wie gut oder schlecht der nächste Tag läuft.

Generell sollte das Schlafzimmer zur Nacht noch einmal gelüftet werden (Ausnahme: Pollenallergie) und die Raumtemperatur kühl sein, da nächtliches Schwitzen den Hautzustand verschlechtert (der Schweiß bleibt ja die ganze Nacht auf der Haut). Aus dem gleichen Grunde sollte die Bettwäsche aus Seide oder Baumwolle und das Deckbett nicht zu warm sein.

Um zu verhindern, dass sich das Kind nachts aufkratzt, reichen kurze Fingernägel nicht aus. Sinnvoll sind das Tragen von leichten Baumwollhandschuhen oder – bei Babys und Kleinkindern – das Tragen eines Neurodermitis-Overalls: Spezialnähte verhindern Scheuern, und da die Handschuhe direkt in den Overall eingearbeitet sind, kann das Kind sie nicht abstreifen.

Manche Kinder finden leichter in den Schlaf, wenn man ihren Pyjama vor dem Anziehen eine Weile in den Kühlschrank legt. Kühle Duschen werden zwar manchmal empfohlen, kaum ein Kind aber mag das und außerdem trocknet die Haut dadurch zusätzlich aus. Eher praktikabel ist es, das Schlafzimmer so kühl wie möglich zu halten und im Winter so wenig wie möglich zu beheizen.

Wenn das Jucken Ihr Kind wach hält, kann ein kalter, nasser Waschlappen oder noch besser ein Eis-Pack aus der Tiefkühltruhe auf die Haut gelegt werden. Vor dem Auflegen die Haut einfetten, am besten mit einer im Kühlschrank aufbewahrten Hautcreme.


Aus Elternsicht: Neurodermitis

Ich habe zwei Kinder, und beide sind Neurodermitiker. Der Große fiel mir schon mit drei Monaten durch komische »Hautgeschichten« im Gesicht auf. Als sich dann morgens feine blutige Kratzer am Gesicht fanden, war der Fall klar. Der Kinderarzt verordnete Salben und empfahl langes Stillen, was ich dann zehn Monate durchhielt.

Bei der jüngeren Tochter, die 19 Monate später kam, hatten wir fast das ganze erste Jahr komplette Ruhe. Aber nach dem Abstillen, als Sarah sich mal an Tomatensoße vergriffen hatte, ging es los: ein fast unstillbares Kratzbedürfnis, das uns vor ganz neue Herausforderungen stellte.

So nähte ich den Schlafanzug-Body an den Beinen wie auch an den Ärmeln zu (siehe Abb. Neurodermitis-Overall), um die nächtlichen Kratzattacken zu verhindern.

Und tagsüber ließen wir das Kind nicht mehr aus den Augen, damit nicht 30 Sekunden Kratzen die Erfolge von drei Wochen Salben wieder zunichte machen. Aber die kleine Sarah hatte ihren Willen: So drehte sie sich in unbeobachteten Momenten geschickt auf den Rücken, um sich mit aller Kraft an einem rauen Fußboden derart »effektiv« zu reiben, dass der Body voller Blutstränen war. Da war ich als Mutter rasch am Ende mit den Nerven, und bald schrie ich Sarah an (und sie mich dann auch).

Als Nächstes hat sie sich dann mit zwei Jahren massiv gegen die Hautpflege gewehrt. Alles war ihr offenbar zu viel, übrigens auch die Kleider, am liebsten war sie nackt. Das war nicht schlecht für die Haut – eine halbe Stunde im Sandkasten war aber »Gift« für die Haut; das hat sie sogar selber eingesehen. Das größte Problem war jedoch das Essen. Am schlimmsten waren Südfrüchte und die schon erwähnten Tomaten, aber auch alle Süßigkeiten und selbst Schweinefleisch »schlugen an«. Am besten war blasses Hühnerfleisch mit Kartoffelbrei oder Reis – aber das wollte Sarah überhaupt nicht mehr, wenn sie das »bessere« Essen der anderen auf dem Tisch sah.

Mit der Zeit verstand ich, dass die Haut von Sarah (die des größeren Bruders hatte sich mit Eintritt in den Kindergarten beruhigt) zum Familienmittelpunkt wurde und dass Sarah ihre Haut auch als Mittel einsetzte, permanent im Mittelpunkt zu stehen. Und aller Salben zum Trotz wurde die Haut nicht besser, sondern eher schlimmer.

Wir mussten etwas tun, weil wir Sarah so, wie ihre Haut zu diesem Zeitpunkt war, nicht in den Kindergarten lassen wollten. Da empfahl der Kinderarzt eine Kur an der Nordsee. Ich war da ziemlich skeptisch – und es passierte dann auch tatsächlich herzlich wenig. Aber die Ärztin hat viel mit mir geredet – und mit Sarah ebenfalls.

Ich habe verstanden, dass Sarah für ihre Haut Verantwortung übernehmen muss und kann. So hat sie gelernt, sich zu salben, hat mal beim Essen »gesündigt« und danach gemerkt, wie das Jucken bei zuträglichem Essen in zwei Tagen wieder abklang. Ich konnte mich zurücknehmen. Und dazu kamen die viele Bewegung und ausreichend Schlaf, die Sarah und ihrer Haut sehr gut getan haben. Der goldene Moment kam schließlich, als sie eines Abends, als ich sie – ohne die Hautpflege anzusprechen – ins Bett stecken wollte, nach der »grünen Tube« mit der Basiscreme fragte. Das war zuvor undenkbar.

Jetzt – wieder zu Hause – ist die Haut zwar nicht mehr ganz so gut wie am Ende der Kur. Doch gleichzeitig ist die Stimmung eine ganz andere: Sarahs Haut und ihr Gekratze sind bei uns zu Hause praktisch kein Gesprächsthema mehr – und erstaunlicherweise kann sie auch jetzt viel mehr Sachen essen, ohne gleich mit der Haut zu reagieren.


Möglichkeiten der Naturheilkunde

Gamma-Linolensäure

Viele Eltern versuchen die Gabe von Gamma-Linolensäure (einer ungesättigten Omega-6-Fettsäure), die auch im Nachtkerzensamenöl enthalten ist. Die Anwendung des Samenöls geht auf Untersuchungen zurück, nach denen in der Haut von Neurodermitikern praktisch immer ein Ungleichgewicht bestimmter Fettsäuren mit einem Mangel an Gamma-Linolensäure besteht. Die Einnahme von Nachtkerzensamenöl, selbst in hoher Dosis, hat jedoch in Vergleichsstudien enttäuscht, so dass wir diese Therapieform nicht empfehlen können.

Ein positiver Effekt lässt sich möglicherweise erzielen, wenn die Fettsäuren äußerlich als Ölbäder an die Haut gebracht werden: Dazu 15 ml Nachtkerzen-, Mandel-, Lein- oder Borretschsamenöl ins Badewasser geben und das Kind alle drei Tage 15 Minuten lang in einem solchen Ölbad baden. Alternativ kann auch eine Gamma-Linolensäure-haltige Creme (Linola Gamma Creme®) auf die trockenen und rauen Hautstellen aufgetragen werden, sie wird aber nicht von allen Kindern vertragen.

Homöopathie

Manche Eltern berichten eine deutliche Besserung durch ein- oder mehrmalige Therapien mit klassisch-homöopathischen Arzneimitteln. Eingesetzt werden z. B. Mezereum D6 (nässendes Ekzem mit Krustenbildung) und Oleander D6 (Ekzem im Kopfbereich). Wie immer ist hier jedoch auch die individuelle Konstitution zu berücksichtigen.

Da es heutzutage praktisch alle Eltern mit einem länger erkrankten Neurodermitiskind zu alternativmedizinischen Therapeuten zieht, sind Neurodermitiker für Heilpraktiker und Naturheilärzte mit die wichtigste Klientel geworden. Wenn Sie dies für Ihr Kind beabsichtigen, hören Sie sich deshalb sorgfältig um – denn Erfolge wird Ihnen jeder versprechen.

Und lassen Sie sich nicht durch Anfangserfolge in Ihrem Urteil täuschen – bei Neurodermitis wirkt sich fast jede (!) Änderung der Lebensumgebung oder der Ernährung des Kindes zunächst verbessernd oder verschlimmernd aus.

Nicht einlösbare Versprechungen

Besonders kritisch sollten Sie bei »alternativmedizinischer Diagnostik« wie zytotoxischen Tests sowie teuren Haar- oder Mineralstoffanalysen sein. Auch wenn sich der Mensch immer wieder bemüht, kausale Zusammenhänge zu knüpfen – die Neurodermitis ist keine durch Giftstoffe oder Amalgamfüllung (oder Scheidung der Eltern …) verursachte Erkrankung.

Eigenbluttherapie

Unter der Vorstellung, dass die Rückinjektion von zuvor entnommenem Blut chronische Krankheiten positiv beeinflussen kann, wird die Eigenbluttherapie auch bei Kindern angewendet. Allerdings in modifizierter Form, bei der das Eigenblut nicht in die Blutbahn eingespritzt, sondern ähnlich homöopathischen Medikamenten durch Verdünnen und Schütteln potenziert und dann als sog. Eigenblutnosode geschluckt wird. Einen Wirksamkeitsnachweis gibt es bislang nicht.

Akupunktur

Akupunktur soll nach Einzelberichten helfen, ob die Effekte nachhaltig sind, ist ungewiss.

Pflanzenheilkunde

Zur lokalen, entzündungsdämpfenden Behandlung stehen Weizenkleiebäder (siehe Übersicht pflanzliche Badezusätze), Stiefmütterchentee als Auflage sowie Eichenrindenbäder (siehe Übersicht pflanzliche Badezusätze) zur Verfügung. Die Verträglichkeit ist jedoch sehr unterschiedlich und muss genau beobachtet werden. Bei trockenen Ekzemen helfen eher Ölbäder und Stiefmütterchentee als Auflage, bei nässendem Ekzem eher Eichenrindenbäder oder Kompressen mit Abkochungen aus Eichenrinde.

Chinesischen Pflanzentees wird eine gute Wirkung nachgesagt, die jedoch in Studien nicht gesehen wurde. Da diese Präparate oft bis zu zehn verschiedene Kräuter enthalten, die auf unterschiedliche Organe wirken, ist Vorsicht geboten. Schwere Nebenwirkungen (z. B. Leberschäden) sind vorgekommen.

Klimakur?

Bei vielen Kindern bessert sich die Neurodermitis bei einem längeren Aufenthalt (über sechs Wochen) an der Nordsee oder im Gebirge (über 1500 Meter Höhe). Die Wirkung wird dabei sowohl auf die »Luftveränderung« als solche als auch auf das Sonnenlicht und das weitgehende Fehlen von Allergenen wie etwa Hausstaubmilben zurückgeführt.

Eine Nachfrage bei der Krankenkasse nach einer solchen Kur lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn die Klimawirkung nach der Rückkehr oft nur kurze Zeit vorhält. Manchmal aber hilft eine Klimakur auch erstmalig aus dem Teufelskreis heraus, und die gebesserte Haut bleibt bei konsequenter Basisbehandlung zumindest einigermaßen stabil.


Vorsorge

Vor allem selbst von einer atopischen Erkrankung betroffene Eltern fragen immer wieder, was sie tun können, um die Entwicklung einer Neurodermitis bei ihrem Kind zu verhindern. Wir haben hierzu schon beim Thema Allergien Stellung genommen.

Ob längeres Stillen bei erblich belasteten Kindern die Entwicklung einer Neurodermitis verhindern kann, ist plausibel, aber wissenschaftlich entgegen landläufiger Meinung umstritten. In manchen Studien zeigt sich ein Schutzeffekt, in anderen haben gerade »Risikokinder«, also Kinder atopischer Eltern, vom Stillen keine Schutzwirkung. Letzteres könnte mit der bei atopischen Müttern veränderten Zusammensetzung der Muttermilch zusammenhängen (die Milch enthält weniger entzündungshemmende Eiweißstoffe, wie etwa TGF-beta2).

Neue Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass sich diese Veränderungen der Muttermilch durch die Einnahme von Lactobacillus GG ausgleichen lassen und die gestillten Kinder dann ein deutlich geringeres Neurodermitisrisiko haben als nichtgestillte Kinder.

Aber Laktobazillen hin oder her: Stillen hat so viele Vorteile, dass wir es auch bei Kindern mit einem erblichen Neurodermitisrisiko empfehlen, mindestens so lange, bis Sie direkt mit dem Kostaufbau auf Gemüsebasis beginnen können (ab dem 7. Monat).

Inwieweit bestimmte hypoallergene Milchen bei familiär belasteten »Risikokindern« vorbeugend wirken, ist umstritten. Das Hinauszögern der Beifütterung hat eher keinen Schutzeffekt.

Einiges deutet darauf hin, dass Kinder, die im Säuglingsalter mit Antibiotika behandelt werden, öfter eine Neurodermitis entwickeln. Da die meisten Antibiotika in diesem Alter nur aufgrund schwer wiegender Erkrankungen gegeben werden, sind der Vorbeugung hier allerdings Grenzen gesetzt.

Der derzeit hoffnungsvollste Ansatz ist die Einnahme bestimmter probiotischer Darmbakterien (Lactobacillus GG) während der letzten Wochen der Schwangerschaft. Es hat sich gezeigt, dass dies bei familiär belasteten »Risikokindern« (also solchen, deren Vater oder Mutter an einer atopischen Erkrankung leiden) das Neurodermitisrisiko vermindert oder die Entwicklung einer Neurodermitis hinauszögert. Obwohl dieser vorbeugende Ansatz noch nicht in allen Details erforscht ist, halten wir diese Strategie für vielversprechend und auch heute schon (etwa für weitere Schwangerschaften) empfehlenswert.

Berufswahl

Wegen der oft lebenslang empfindlicheren Haut sind Berufe mit reichlich Wasser- oder Desinfektionsmittelkontakt – etwa medizinische Berufe – ebenso ungünstig wie solche, in denen man es mit Stoffen zu tun hat, die besonders häufig Allergien auslösen (etwa Bäcker oder Tierpfleger).

Vorbeugung durch Probiotika?

Studien aus Finnland haben ergeben, dass das Neurodermitisrisiko bei Kindern atopischer Eltern durch die Einnahme bestimmer Laktobazillen möglicherweise gesenkt werden kann. Allerdings: Eine kürzlich abgeschlossene, ähnliche Studie aus Deutschland konnte die Wirkung nicht bestätigen. DAmit ist derzeit leider unklar, ob die Einnahme einen Versuch wert ist - zumal die Präparate nicht billig sind.

Das Schema in Kürze: In den letzten vier Wochen der Schwangerschaft (also beginnend in der 36. Woche) nimmt die Schwangere zweimal täglich (z. B. morgens und abends) je eine Kapsel (oder Päckchen) des probiotischen Keims Lactobacillus rhamnosus GG (einfach »Lactobazillus GG« genannt) ein. Stillende Mütter führen die Einnahme sechs Monate lang fort; wenn die Mutter nicht stillt, wird der Kapsel- oder Päckcheninhalt auf einen Teelöffel gegeben, mit Wasser gemischt und dem Baby ebenfalls zweimal täglich sechs Monate lang gefüttert.

In Deutschland derzeit verfügbare Präparate sind z. B. die LGG® Kapseln. Auch andere Präparate enthalten Lactobacillus GG, allerdings teilweise in niedrigerer Konzentration. Ähnliche Laktobazillen kommen auch in Naturjoghurts vor, allerdings ist deren Wirkung zur Allergievorbeugung nicht erforscht.


Prognose und Verlauf

Auch wenn das Licht am Ende des Tunnels oft schwer zu sehen ist – der natürliche Verlauf der Neurodermitis zielt auf Besserung. Leichte Fälle verlieren sich meist zum Ende des dritten Lebensjahrs. Etwa die Hälfte der schwereren Fälle bessert sich oder verschwindet ebenfalls im Lauf der Kindheit oder der Pubertät. Bei welchem Kind sich die Neurodermitis »auswächst«, lässt sich im Einzelfall aber nicht vorhersagen. Auch halten Besserungen nicht in jedem Fall an. So haben manche Kinder z. B. im Schulalter weniger Probleme, um dann mit der Pubertät wieder mit neuen Schüben anzufangen.

Bei den meisten Kindern dauert die Krankheit in »Miniaturform« jedoch auch im Erwachsenenalter fort, sie zeigt sich dann durch eine erhöhte Empfindlichkeit und Pflegebedürftigkeit der Haut.


Weiterführende Informationen

  • Hellermann, M.: Neurodermitis bei Kindern. Trias, 2004
  • www.neurodermitis.netBundesverband Neurodermitiskranker, Oberstr. 171, 56154 Boppard
  • www.dnb-ev.deDeutscher Neurodermitis Bund e.V., Spaldingstr. 210, 20097 Hamburg
  • www.neurodermitis.dermis.net – Website verschiedener Universitäten und Ärzteorganisationen über Neurodermitis
  • www.jucknix.de – unabhängiges, deutsches Neurodermitis-Portal
Aktualisiert ( Donnerstag, den 24. Februar 2011 um 18:24 Uhr )