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Neurodermitis - Neurodermitis: Was im Körper abläuft

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 12:52 Uhr
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Neurodermitis: Was im Körper abläuft

Welche Vorgänge bei der Neurodermitis genau im Körper ablaufen, ist bis heute nicht in allen Einzelheiten geklärt. Einige Puzzleteile konnten die Wissenschaftler aber zusammentragen:

  • Es gibt bei der Neurodermitis Auffälligkeiten im Immunsystem. Zu erwähnen sind insbesondere ein geändertes Verhalten bestimmter Abwehrzellen (der T-Lymphozyten) und ein erhöhter Spiegel an IgE im Blut.
  • Diese Auffälligkeiten fallen jedoch nicht in das normale Raster einer »Allergie« und sind auch anders als bei den anderen »allergischen« (= atopischen) Erkrankungen wie etwa Heuschnupfen oder allergischem Asthma. Forscher der Immunologie stellen immer wieder fest, dass die Neurodermitis in mancher Hinsicht eher Ähnlichkeit mit der Psoriasis oder sogar mit Autoimmunerkrankungen hat. Insofern ist die Neurodermitis sicherlich mehr als nur eine »bloße Allergie«. Verwirrend dabei: Bei vielen Kindern wird die Neurodermitis von typischen allergischen Erkrankungen begleitet, wie Heuschnupfen, Lebensmittelallergien oder Asthma, und gerade die Lebensmittelallergien können die Krankheit verschlimmern – ein selbst für Forscher kompliziertes Gemenge!
  • Diesen Erkenntnissen der Forscher entspricht auch die Beobachtung vieler Eltern, dass das Immunsystem von Neurodermitikern anders »tickt«: So reagiert das Kind öfters mit Ausschlägen, wenn nach dem Abstillen neue Nahrungsmittel eingeführt werden, auch wenn später gar keine Allergie nachgewiesen werden kann, oder es treten gehäuft Hautausschläge nach Impfungen auf. Am ehesten könnte man vielleicht sagen, dass bei einem Kind mit Neurodermitis das Immunsystem insgesamt eine geringere »Entzündungsschwelle« hat.
  • Bei der Neurodermitis ist aber nicht nur das Immunsystem verändert. Auch eine andere Zusammensetzung der Fettsäuren wird beobachtet, und zwar im Blut, dem Fettgewebe und der Haut.
  • Zudem ist die Haut insgesamt in ihrer Barrierefunktion gestört, d. h. sie kann ihre Schutzfunktion schlechter ausüben. So ist z. B. der normale Säureschutzmantel der Haut beeinträchtigt, und die Haut ist durch eine Unterfunktion der Talgdrüsen (Sebostase) und der Schweißdrüsen (Hypohidrose) trockener, empfindlicher und reizbarer als beim Gesunden und juckt leicht.
  • Auch das vegetative (d. h. das nicht bewusst kontrollierte) Nervensystem reagiert anders. Beispielsweise reagieren die Blutgefäße auf Kälte mit einer stärkeren Verengung als normal (erkennbar an kalten Händen). Neurodermitiskinder schwitzen auch oft auffällig wenig oder auffällig stark.
  • Dass die Neurodermitis mehr ist als nur eine Hautkrankheit, zeigen auch die häufig zu beobachtenden Ernährungsprobleme, die möglicherweise durch Störungen im Magen-Darm-Bereich bedingt sind – nach Ansicht einiger Selbsthilfegruppen ist der Darm sogar das zentral betroffene Organ und der Hautbefall lediglich Ausdruck einer komplexen Störung im Magen-Darm-System. Bekannt ist auch, dass Neurodermitiker häufiger einen grauen Star entwickeln als andere Menschen.
  • Und ganz falsch ist auch nicht, wenn viele – nicht nur Ärzte – Neurodermitiker als »dünnhäutige« Seelen beschreiben. Zu viel Nähe oder etwa falsch platzierte Zärtlichkeiten der Großmutter auf Familienbesuch können Wutausfälle auslösen. Ob ein Charakterzug der Erkrankung selbst oder ob »nur« eine ihrer Folgeerscheinungen: Neurodermitiskinder scheinen leichter als andere aus dem Gleichgewicht zu geraten, und sie stecken vieles schwerer weg.
  • Widerlegt ist jedoch (auch wenn viele Therapeuten es immer noch verbreiten), dass Kinder mit Neurodermitis ursächlich psychische Probleme hätten, etwa mit den Eltern oder in der Familie, die sich »über die Haut« äußern. Allerdings: Psychische Belastungen können als Folge der Hauterkrankung auftreten, und größere psychische Belastungen verstärken das Krankheitsbild zumeist.

Die Neurodermitis ist damit weder eine »Nervenerkrankung« (wie ihr Name suggeriert) noch eine psychosomatische Erkrankung. Aber was genau sie ist, das ist noch immer Stoff für die Forschung.



Aktualisiert ( Donnerstag, den 29. Januar 2015 um 13:35 Uhr )