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"Gelbsucht"

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 15. Juni 2009 um 07:27 Uhr
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"Gelbsucht"
Krankhafte Ursachen
Das macht der Arzt
Das können Sie tun
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Mindestens 50 % der Neugeborenen sind eine Zeit lang nach der Geburt mehr oder weniger »gelb«. Auch wenn die Mediziner ihnen dann eine Gelbsucht (oder, lateinisch, Ikterus) bescheinigen: Krank sind sie in aller Regel nicht. Meist n√§mlich handelt es sich um eine normale, also nicht durch eine Krank­heit bedingte Erscheinung. Um dem Rech­nung zu tragen, nennt der Me­di­ziner die Standardform der Gelbsucht auch physiologische (d. h. zu den normalen K√∂rperfunktionen geh√∂rige) Gelbsucht.

Es mehren sich Hinweise, dass die zeitweilige »Verf√§rbung« der Neugeborenen sogar einem n√ľtzlichen Zweck dient: Der f√ľr die Gelbf√§rbung verantwortliche Stoff jedenfalls, das Bilirubin, hat antioxidative, d. h. den Stoffwechsel sch√ľtzende Eigenschaften.

Die physiologische Gelbsucht beginnt um den zweiten oder dritten Lebenstag, meist im Gesicht. Nicht nur die Haut, sondern auch das Augenweiß und die Schleimhäute, etwa am Gaumen des Kindes, sind gelblich eingefärbt.

Die Gelbsucht wandert dann den K√∂rper entlang nach unten. Meist ist sie unterhalb des Bauchnabels kaum mehr zu sehen und geht etwa mit dem Ende der ersten Lebenswoche von selbst zur√ľck, sie kann aber auch l√§nger anhalten. Urinfarbe und Stuhlfarbe sind unver√§ndert. Manchmal ist der S√§ugling etwas m√ľde.

Normale Gelbsucht – woher?

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Der ungl√ľckliche Name »Neugeborenengelbsucht« schreckt viele Eltern auf. Dabei handelt es sich in aller Regel um eine ganz normale Reaktion, die dem Neugeborenen sogar n√ľtzlich sein k√∂nnte. [HRP]

Die Verf√§rbung kommt durch ein Stoffwechselprodukt zustande, das auch beim Erwachsenen anf√§llt, wenn auch in geringerer Menge – dem Bilirubin. Dieses entsteht  beim Abbau des roten Blutfarbstoffes, des H√§moglobins, das im Blut den Sauerstofftransport √ľbernimmt. Solange das Kind im Mutterleib ist, wird das Bilirubin √ľber den Mutterkuchen (die Plazenta) und damit den m√ľtterlichen K√∂rper (genauer gesagt, ihre Leber) »entsorgt«. Nach der Ab­nabelung muss das Baby dies selbst tun.
Und nach der Geburt f√§llt einiges Bilirubin an. Denn das Neugeborene kommt mit einem √úberschuss an Blutk√∂rperchen und damit H√§moglobin auf die Welt (dies stellt sicher, dass es w√§hrend der Umstellungsphase nach der Geburt genug Sau­er­stoff hat). Die √ľbersch√ľssigen H√§moglobin-Reserven werden dann allm√§hlich aufgel√∂st – die nat√ľrliche Blutmauserung des Neugeborenen beginnt. Das dabei entstehende Bilirubin wird aber in der noch unreifen Leber noch nicht sehr effektiv entsorgt und verteilt sich deshalb mit dem Blut im ganzen K√∂rper – sichtbar an der Gelbf√§rbung der Haut.
Bei gestillten Kindern ist die Gelbf√§rbung meist st√§rker. Dies liegt daran, dass die Muttermilch in den ersten Tagen nicht gleich »volle Pulle« l√§uft und deshalb der Darm des Neugeborenen noch nicht so viel Stuhl ausscheidet. Mit dem Stuhl aber wird immer auch ein gewisse Menge an Bilirubin ausgeschieden und damit dem K√∂rper entzogen.


Krankhafte Ursachen

Die Gelbsucht schädigt den Körper nur dann, wenn das Bilirubin sehr hohe Werte erreicht. Bei der normalen Gelbsucht kommt das nur in ganz extremen Ausnahmefällen vor, etwa wenn das Baby in den ersten Tagen nichts trinken kann.
Selten liegen der Gelbsucht krankhafte Ursachen zugrunde. Und hier kann so viel Bilirubin anfallen, dass es nicht nur in die Haut und die Schleimh√§ute eingelagert wird, sondern auch in das Gehirn, wo es in hoher Konzentration sch√§digend wirken kann. Gef√§hrdet sind dabei vor allem Fr√ľhgeborene. Diese krankhaften Formen der Gelbsucht verlaufen anders:

Sie beginnen fr√ľher, d. h. bereits am ersten Lebenstag. In diesen F√§llen liegt der Gelbsucht ein viel zu rascher Blutzerfall zugrunde. Dieser kommt dadurch zustande, dass sich das m√ľtterliche Blut und das Blut des Neugeborenen nicht vertragen (so genannte Blutgruppenunvertr√§glichkeit). Da die Vertr√§glichkeit der Blutgruppen heute getestet wird und gegen die schwerste Form, die Rhesus-Unvertr√§glichkeit, zudem vorbeugend ein Medikament gespritzt werden kann, ist diese Form der Gelbsucht heute sehr selten.

Sie halten l√§nger an. Besteht die Gelbsucht l√§nger als zwei Wochen, so ist sie manchmal durch ein hormonelles Ungleichgewicht bedingt, etwa im Rahmen einer nicht erkannten Unterfunktion der Schilddr√ľse. Da praktisch alle Neugeborenen heute routinem√§√üig darauf untersucht werden, ist diese Form extrem selten.

Das Baby ist dabei krank. Schwere Formen der Gelbsucht können zum Beispiel durch eine erregerbedingte Blutvergiftung (Sepsis) entstehen.

Eine andere Ursache f√ľr die lange anhaltende Gelbsucht ist die so genannte Muttermilch-Gelbsucht. Sie kann bei einem kleinen Teil der gestillten Kinder beobachtet werden und ist harmlos. Wahrscheinlich enth√§lt die Milch mancher M√ľtter einen bestimmten Stoff, der den Abbau des Bilirubins hemmt. Abstillen ist nicht erforderlich.

Gelbsucht, bei der gleichzeitig der Urin braun ist und der Stuhl sehr hell (fast weiß) wird, ist immer krankhaft und kann auf einen Leberschaden hinweisen.


Das macht der Arzt

Vermutet der Arzt, dass es sich um eine krankhafte Form der Gelbsucht handeln k√∂nnte, so bestimmt er das Bilirubin durch einen Bluttest. Dies macht aber nur bei auff√§lligen Verl√§ufen einen Sinn. Als Routineuntersuchung bei allen »gelben« Babys wird der Test nicht empfohlen – schlie√ülich ist er immer auch mit einem Pieks f√ľr das Baby verbunden, das in den ersten Tagen schon genug auszuhalten hat.

Zeigt die Messung einen sehr hohen Wert, so können weitere Bluttests die Ursache nachweisen, etwa einen zu raschen Blutabbau oder eine Sepsis.

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Eine babyfreundliche Alternative f√ľr Kinder mit behandlungsbed√ľrftiger Gelbsucht: die »Lichtdecke«. Die Decke wird wie ein Strampler angezogen und bescheint √ľber winzige Glasfiberfasern die darunter liegende Haut. Die Haut kann nun das dort eingelagerte Bilirubin in wasserl√∂s­liche Formen um­wandeln, die √ľber den Urin ausgeschieden werden.
[RHO]

Ab einem bestimmten Grenzwert beginnt der Arzt zur Sicherheit eine so genannte Phototherapie – dazu wird das Baby nackt unter besondere Leuchtr√∂hren gelegt. Das von diesen Leuchtr√∂hren vorzugsweise ausgesandte Licht blauer Wellenl√§ngen sorgt daf√ľr, dass das Bilirubin in der Haut des Babys so ver√§ndert wird, dass es mit dem Urin ausgeschieden werden kann (es muss also nicht √ľber die Leber entsorgt werden).

Als Alternative kann das Baby auch in spezielle Decken mit eingewobenen lichtleitenden Fasern eingepackt werden. Die Fasern kommen alle aus einem B√ľndel, das an eine Kaltlichtquelle angeschlossen ist. Mit Hilfe dieser neuen Technologie kann die Phototherapie heute auch zu Hause durchgef√ľhrt werden.

Nur ganz selten, nämlich bei schweren Formen der Blutgruppenunverträglichkeit, muss der Arzt im Krankenhaus Blutaustauschtrans-fusionen veranlassen. Hier wird ein Teil des Blutes durch verträgliches Fremdblut ersetzt, um so den weiteren Anstieg des Bilirubins zu stoppen.


Das können Sie tun

Krankhafte oder gef√§hrliche Formen werden schon in der Entbindungsklinik behandelt. Bescheinigt der Arzt Ihrem Baby eine kontrollbed√ľrftige Gelbsucht, so k√∂nnen Sie das Abklingen der Gelbsucht mit einfachen Mitteln unterst√ľtzen:

  • Sie Ihr Baby m√∂glichst nackt, d. h. in warmer Umgebung, dem durch das Fens­ter fallenden Sonnenlicht aus (das Glas l√§sst einen gro√üen Teil des in diesem Zusammenhang wichtigen »blauen« Lichtanteils durch). Je l√§nger Sie das tun, desto besser.
  • Bringen Sie den Darm Ihres Babys in Schwung. Solange der Stuhl n√§mlich nur im Darm »sitzt«, passiert Folgendes: Das von der Leber bereits in den Darm ausgeschiedene Bilirubin wird in tieferen Darmabschnitten glatt wieder in den K√∂rper aufgenommen und muss dann erneut »entsorgt« werden. Wie Sie den Darm anregen k√∂nnen? Indem Sie Ihr Baby m√∂glichst oft an die Brust nehmen – dadurch kommt bei Ihnen die Milchproduktion in Schwung und beim Baby die Darmbewegungen, was Sie an den zunehmenden Stuhlmengen sehen k√∂nnen. Vom Zuf√ľttern oder gar Umstellen auf Flaschennahrung raten wir ab – langfristig bringt dies Ihrem Baby mehr Nachteile.
  • Ihrem Baby Wasser zu f√ľttern, um das Bilirubin zu »verd√ľnnen«, bringt nichts, Stillen ist aus den oben angef√ľhrten Gr√ľnden weitaus besser.

Die »Gelbverf√§rbung« nach Beginn der Beif√ľtterung ist keine »Gelbsucht«, sondern kommt von der Karottennahrung. Bei diesen harmlosen, durch Einlagerung des Karottenfarbstoffs Karotin bedingten Formen ist das Augenwei√ü nicht verf√§rbt.
 

Aktualisiert ( Montag, den 06. Juli 2009 um 10:53 Uhr )