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Wenn Babys schreien - Dreimonatskoliken

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 15. Juni 2009 um 07:51 Uhr
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Wenn Babys schreien
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»Dreimonatskoliken«

Meistens ist das Schreien ein kurzes Signal, die Eltern reagieren darauf, und dann ist alles wieder gut. So haben z. B. viele S√§uglinge direkt nach dem Trinken eine kurze »Kampfzeit«: Das Baby hat vielleicht einen gebl√§hten Bauch, spuckelt ein bisschen und weint – mit dem erl√∂senden B√§uerchen h√∂rt auch das Weinen auf.

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Auch wenn es Sinn macht, als stillende Mutter auf bl√§hende Nahrungsmittel zu verzichten: Oft bringt das in punkto Geschrei nicht viel oder gar nichts. Ob hinter den »Dreimonatskoliken« √ľberhaupt Bl√§hungen stehen, ist sowieso eher zweifelhaft.
[ISP]

Anders bei den so genannten Dreimonatskoliken – hier schreien die Babys anhaltend und immer wieder, und oft bleibt unklar, was dahinter steckt. Der Spuk beginnt oft schon nach den ersten paar Lebenstagen. Die Babys schreien bevorzugt in den Abendstunden, etwa zwischen f√ľnf und acht Uhr, oft aber auch bis zehn oder l√§nger.

Das herzzerrei√üende und bald auch von den Nachbarn gef√ľrchtete Gebr√ľll geht oft schon beim Trinken oder kurz danach los. Die Babys schreien schrill, die Stirn ist oft gerunzelt, Schmerzen klingen mit, und sie beruhigen sich durch Hoch­nehmen, F√ľttern und mitmenschliche N√§he allenfalls zeitweilig. Findet das Kind schlie√ülich zur Ruhe (meist nach etwa 5–20 Minuten), so kommen die Attacken in Abst√§nden oft wieder. Grausamerweise ficht das Baby seinen Kampf gerade zu einer Tageszeit aus, in der auch die Erwachsenen am Zusammenklappen sind – am Abend, wenn sie hungrig auf das Abendessen warten oder gestresst von der Arbeit zur√ľckkommen.

Man sch√§tzt, dass etwa 20 % der Babys an »Koliken« leiden.

Ist der Bauch schuld?

Dabei ist nicht einmal sicher, ob √ľberhaupt der Bauch an den Schreiattacken schuld ist, wie der Begriff »Kolik« suggeriert. Manche Kinder√§rzte sprechen deshalb – neutraler – vom »unspezifischen Schreien« – f√ľr uns auch kein gl√ľcklicher Begriff, klingt er doch so, als ob Babys einfach schreien, weil ihnen sonst nichts Besseres einf√§llt.
Auch wenn es nicht bewiesen ist, vieles  l√§sst Bauchkr√§mpfe als Ursache vermuten: Die S√§uglinge ziehen die Beinchen an und strecken sie dann pl√∂tzlich wieder, als wollten sie den Schmerz »wegkicken«. Der Bauch ist oft angespannt. Sanftes Streicheln des Bauches bringt manchen S√§uglingen Erleichterung. Schwedische Forscher konnten zu­dem bei Kolikkindern ein Zuviel an bestimmten auf die Darmbewegungen wirkenden
Hormonen nachweisen (z. B. Motilin).

K√∂nnte etwa die mit dem Schreien ge­schluckte Luft die Bauchkr√§mpfe in Gang setzen? Dies ist eher unwahrscheinlich. R√∂ntgenbilder haben n√§mlich gezeigt, dass »Kolikbabys« nicht mehr Darmgas haben als andere. Auch sind die Erfolge von gasreduzierenden Medikamenten allenfalls bescheiden.
Es k√∂nnte aber auch sein, dass die Bauchkr√§mpfe erst als Folge des Schreiens und der damit verbundenen Aufregung entstehen. Dass ganz am Anfang also ein anderer Ausl√∂ser steht und sich dann »auf den Bauch schl√§gt«, der ja bei kleinen S√§uglingen bekanntlich ein sehr sensibles Organ ist.

Oder k√∂nnten die Bauchkr√§mpfe als Folge von »Stress« und innerer Anspannung entstehen? Hierf√ľr spricht einiges.

Tiefer liegende Ursachen?

Vorneweg: Die Frage, was die regelm√§√üigen Schreiphasen in Gang setzt, ist noch immer ungekl√§rt. Dass die »Koliken« vor allem abends auftreten, k√∂nnte auf eine √úberreizung oder andere Arten von Stress hindeuten. Vielleicht sind es gerade diese auch f√ľr die Erwachsenen hektischsten Stunden des Tages, in denen der gute und entspannte »Draht« zum S√§ugling einfach schwerer zustande zu bringen ist? In denen zudem auch die Nerven des von all den Eindr√ľcken des Tages »geschafften« Kindes blo√üliegen und dem es dann niemand mehr recht machen kann?
Dass die »Koliken« mit drei oder vier Monaten aufh√∂ren, vielleicht erkl√§rt sich das damit, dass die S√§uglinge dann insgesamt stabiler sind und gelernt haben, ohne gro√ües Drama »abzuschalten«?

Dass »Koliken« mehr sind als nur ein Reifungsprozess des Darmes, sondern vielleicht auch ein Reifungsprozess des ganzen Kindes und der Eltern-Kind-Beziehung, darauf weisen auch kulturelle Unterschiede hin. In Naturv√∂lkern etwa, in denen Babys viel am K√∂rper der Mutter getragen werden, ist regelm√§√üiges, unstillbares Schreien seltener. Auch hierzulande hat sich in Experimenten gezeigt, dass Kinder, die mindestens drei Stunden am Tag im Tragetuch getragen werden, seltener schreien.

Ist also doch die Mutter schuld?

Eindeutig nein! Studien zeigen, dass M√ľtter von Kolikkindern sich in nichts von denen unterscheiden, deren Kinder keine Koliken haben. Weder sind sie »unsicherer« noch weniger »bindungsf√§hig«. Ja, wenn sie noch andere Kinder haben, so sind oder waren diese nicht selten von Koliken verschont.

Und dass M√ľtter und ihre Babys in einer Realit√§t leben, die – mal mehr, mal weniger – stressig ist und sie immer wieder an die Grenzen der Belastbarkeit bringt, wer k√∂nnte M√ľttern daraus einen Vorwurf machen?

Der Trost: Da ist Licht am Ende des Tunnels. 85 % der Babys haben ihre »Kolikzeit« mit drei Monaten hinter sich gebracht, mit vier Monaten sind es fast 100 %.

Was sonst noch keine Rolle spielt

Immer wieder wird behauptet, Dreimonatskoliken seien durch »Allergien« oder »Milchunvertr√§glichkeit« ausgel√∂st. Das mag in seltenen Ausnahmef√§llen stimmen, aber solche Krankheiten zeigen sich dann auch durch andere Zeichen wie Durchfall, Blut im Stuhl oder schlechtes Gedeihen.

Dass die Nahrung bei den allermeisten Kindern keine Rolle spielt, zeigt auch die Tatsache, dass »Koliken« bei ge­still­ten und nichtgestillten Kindern etwa gleich h√§ufig vorkommen. Manche Kinder√§rzte vermuten sogar ein √úbergewicht bei den gestillten Kindern. Die ebenfalls manchmal angeschuldigte Laktoseintoleranz ist so selten, dass sie als generelle Erkl√§rung kaum gelten kann. Dasselbe gilt f√ľr den Menstruationszyklus der Mutter.



Aktualisiert ( Donnerstag, den 27. August 2009 um 08:07 Uhr )